Angehörigenhilfe

Wir sind drei junge Erwachsene im Alter von 27, 29 und 32 Jahren und haben jeweils uns sehr nahestehende Angehörige (Partner, Mutter, Schwester) in der Zeit ihrer Krebserkrankung begleitet.

Elisabeth H., Anna M., Marietta P. (volle Namen dem Verein bekannt)

In dieser für uns neuen Lebenssituation haben wir hilfreiche Unterstützung durch bereits bestehende Einrichtungen und Angebote erfahren, wir haben jedoch auch festgestellt, dass es noch kein speziell für die Altersgruppe der jungen Erwachsenen ausgerichtetes schriftliches Informationsmaterial gibt. Mit dem vorliegenden Text möchten wir beginnen, diese Lücke ein Stück weit zu schließen und unsere Erfahrungen weitergeben. 

Bewusst haben wir uns dafür entschieden, die Idee der Broschüre „Mama/Papa hat Krebs“ aufzugreifen und auch unseren Text in zwei Teile untergliedert. Der erste Teil behandelt ausschließlich die Zeit der Begleitung beim erstmaligen Auftreten der Krankheit. Viele Krebsarten können heutzutage bereits gut behandelt und auch geheilt werden. Für diese Menschen handelt es sich bei der Krebserkrankung um einen begrenzten Lebensabschnitt, danach werden viele nie wieder mit dem Thema konfrontiert werden.

Doch nicht jede Krebsart ist heilbar, es gibt Formen, die immer wieder auftreten und die auch mit einer Lebensverkürzung der erkrankten Person verbunden sein können. Der zweite Teil richtet sich an junge Erwachsene, die einen geliebten Menschen beim erneuten Auftreten der Krankheit begleiten. Der Begriff „Krebs“ impliziert eine Vielzahl an Krankheitsbildern mit jeweils ganz unterschiedlichen Verläufen. Jeder Weg ist ein individueller, die Hoffnung war für uns stets ein wichtiger Begleiter in dieser schweren Zeit.

© Eduard Militaru

Teil 1: Erstmaliges Auftreten der Erkrankung

1.    Genügend Kraft 

Die Diagnose Krebs löst in der Regel im ersten Moment starke Gefühle der Unsicherheit, Hilflosigkeit und Angst aus. Nicht nur der/die PatientIn, sondern auch man selbst in der Rolle als naher Angehöriger befindet sich in einem Schockzustand. Viele Angehörige stellen sich die Frage, ob sie stark genug sein werden, diesen hürdenvollen und völlig unbekannten Weg zu gehen und ob sie für die Begleitung des geliebten Menschen ausreichend Ressourcen zur Verfügung haben werden (neben familiären, beruflichen, gesellschaftlichen und persönlichen Verpflichtungen und Interessen). Wir haben alle voneinander unabhängig die Erfahrung gemacht, dass wir für die einzelnen Schritte der Begleitung immer zum richtigen Zeitpunkt genügend Kraft bekommen haben, auch wenn wir uns das oft unmittelbar vor der auf uns zukommenden Aufgabe noch nicht vorstellen konnten.
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2.    Behandlungsplanung

Die Schulmedizin konnte im Bereich der Krebsbehandlung bereits enorme Fortschritte in den letzten Jahrzehnten erzielen. Grundsätzlich ist es gut, Vertrauen in den von dem/der ÄrztIn vorgeschlagenen Behandlungsplan zu legen. Trotzdem ist es in manchen Fällen hilfreich, eine Zweitmeinung einzuholen. So kann beispielsweise bei der Krebshilfe kostenlos ärztlicher Rat hinzugezogen werden, auch besteht die Möglichkeit, eine/n niedergelassene/n OnkologIn aufzusuchen. Es ist wichtig, während der Behandlung mit dem nahen Angehörigen immer wieder Rücksprache zu halten, ob der gewählte Behandlungsweg für ihn so richtig ist.

Im Krankenhausbetrieb herrscht oft Hektik und Stress. Nicht immer wird man als Angehöriger bei ÄrztInnengesprächen miteinbezogen, trotzdem wollen wir alle dazu ermutigen, eigene Fragen zu stellen, die während den Gesprächen auftreten können. Nicht nur als naher Angehöriger hat man Angst davor, ÄrztInnen nach Ergebnissen anzusprechen oder genauer nachzufragen. Vielen ÄrztInnen fällt es ebenso nicht leicht, den Betroffenen Untersuchungsergebnisse und Diagnosen mitzuteilen. Diese Unsicherheit und Verschlossenheit gegenüber dem Angehörigen kann leicht missverstanden werden. 

Bei jungen Erwachsenen, bei denen die Behandlung mit einer Chemotherapie und/oder Bestrahlung verbunden ist, empfiehlt es sich, bereits vor Behandlungsbeginn Informationen zur Fruchtbarkeitserhaltung einzuholen und gegebenenfalls Maßnahmen zu ergreifen. Sollte vor Beginn der Chemotherapie eine Operation stattfinden, so ist es ratsam, noch vor dieser eine entsprechende Einrichtung aufzusuchen. Der/die behandelnde ÄrztIn kann nach Einrichtungen in der Nähe gefragt werden.

Darüber hinaus gibt es ein vielfältiges Angebot an komplementärmedizinischen Maßnahmen, die während der Krankheit unterstützend genützt werden können. Die Krebshilfe (krebshilfe.at) bietet beispielsweise unter www.krebshilfe.net die Broschüre „Das ABC der komplementären Maßnahmen“ kostenlos zum Download an. Gerade in der ersten Phase kann es jedoch leicht zu einer Informationsflut durch das Internet sowie Tipps von FreundInnen, Bekannten und Verwandten kommen. Es ist wichtig, in dieser Zeit bewusst zu filtern und selbst zu bestimmen, welche Informationen einem nützlich und hilfreich sind. Im Internet kursieren auch unzählige Informationen zum Thema Krebs, die nicht immer seriös sind.
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3. Krebs ist keine psychisch bedingte Krankheit.  

Es gibt kaum eine andere Krankheit, bei der so viele mitreden, wie bei einer Krebserkrankung. Leider handelt es sich hierbei oftmals um laienhaftes Halbwissen, das einen Betroffenen und deren Angehörige in dieser schweren Zeit leicht verletzen und verunsichern kann. So hält sich beispielsweise bei vielen Menschen hartnäckig die Auffassung, dass Krebs eine psychisch bedingte Krankheit ist, da es sich bei Krebszellen um körpereigene handelt. Diese Ansicht ist wissenschaftlich widerlegt. Eine Krebserkrankung kann nicht durch die psychische Verfassung eines Menschen ausgelöst werden (d. h. die Ursache der Krankheit ist nicht psychosomatisch). Es kann jedoch im weiteren Krankheitsverlauf vorkommen, dass durch die Diagnose der Krankheit somatopsychische Symptome bei der erkrankten Person auftreten. D. h. der/die PatientIn entwickelt beispielsweise eine Depression oder Angststörung im Krankheitsverlauf.

Unter Umständen begegnet man in dieser schweren Zeit auch  Menschen, die einem das Gefühl vermitteln, dass der/die PatientIn selbst die Krankheit durch seine psychische Haltung dem Leben gegenüber ausgelöst hat oder diese auf seine Lebensbiographie zurückzuführen ist („Er/Sie hat eben nicht genügend auf sich selbst geachtet“/Scheidung der Eltern/Beziehungsprobleme). In diesen Momenten ist es besonders wichtig, sich bewusst in Erinnerung zu rufen, dass niemand Schuld an der Erkrankung hat und auch nahe Angehörige oder Mitmenschen durch die Beziehung zum Erkrankten die Krankheit nicht ausgelöst haben können. Ansätze dieser Art entsprechen nicht dem aktuellen Forschungsstand.

Eine Krebserkrankung kann nach derzeitigem schulmedizinischen Ansatz nicht alleine durch eine Psychotherapie und die Auseinandersetzung mit dem bisherigen Leben geheilt werden. Wir sind aber davon überzeugt, dass diese dem Erkrankten helfen kann, Kräfte zu aktivieren, die nötig sind, um sich auf die vielen schweren Behandlungen einzulassen und, dass die Psychotherapie nach Abschluss der Behandlungen den Wiedereinstieg in das gesellschaftliche Leben außerhalb des Spitals erleichtert.
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4.    Freunde und Bekannte informieren

Es ist ratsam, Bekannte und engste FreundInnen über die veränderte Lebenssituation zu informieren, obwohl die Zeit oft durch die intensive Pflege und Betreuung stark eingeschränkt ist. FreundInnen können nur dann helfen, wenn sie wissen, in welcher Situation man sich als nahe/r Angehörige/r befindet. Nicht nur man selbst ist in der Regel mit einer Ausnahmesituation konfrontiert, auch viele FreundInnen stehen womöglich ebenfalls zum ersten Mal einer solchen Situation gegenüber und wissen nicht, wie sie sich „richtig“ (hilfreich) verhalten und reagieren sollen. Es ist wichtig, in dieser Zeit Wünsche klar zu formulieren und ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie einen gut in dieser Lebensphase unterstützen können. Auch kann es vorkommen, dass sich einige FreundInnen durch die Situation überfordert fühlen. Das Thema Krankheit und vor allem Krebs löst bei vielen Berührungsängste, Unsicherheit und ein Gefühl der Hilflosigkeit aus. Zu anderen Menschen wiederum, die einem in der Zeit vor der Erkrankung des geliebten Menschen vielleicht noch nicht so nahe standen, fühlt man sich enger verbunden. 
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5.    Selbstbestimmung des Patienten

So schwierig es auch manchmal sein mag, der Erkrankte, wenn volljährig, ist ein/e selbständige/r und mündige/r PatientIn, der/die seine/ihre Entscheidungen selbst trifft. Man kann beratend und helfend zur Seite stehen, dennoch ist es wichtig, ihn seinen Weg gehen zu lassen und ihn dabei unterstützend zu begleiten, auch wenn er/sie nicht immer schlüssig für den Angehörigen sein mag.
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6.    Vergiss nicht auf dich selbst zu achten.

Die Behandlung von Krebserkrankungen erstreckt sich meistens über einen längeren Zeitraum. Es ist daher sehr wichtig, sich die Kräfte gut einzuteilen und auch regelmäßig Aktivitäten auszuüben, die einem selbst Kraft geben und Freude bereiten. Es ist nicht verboten, Spaß zu haben in dieser schweren Lebensphase. Ganz im Gegenteil: Nur wenn man selbst gut auf sich achtet kann man die erkrankte Person bestmöglich unterstützen. Auch ist es ratsam, sich gegenüber fremden Schicksalen im Spital gut abzugrenzen. 

Vielleicht ist folgendes Bild hilfreich: bevor das Flugzeug abhebt weisen die Stewardessen immer darauf hin, dass jede Person im Notfall zuerst selbst die Sauerstoffmaske überziehen soll, bevor sie beginnt, anderen die Maske aufzusetzen. Wenn man gut auf sich selbst achtet, wird man seinen geliebten Menschen langfristig im Krankheitsverlauf besser unterstützen können. 
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7.    Berufsleben

Es ist sinnvoll, in der Arbeit ein Gespräch mit den Vorgesetzten zu führen und sie zu informieren. Auch ist es ratsam, sich darüber Gedanken zu machen, ob man bestimmten ArbeitskollegInnen von der nun deutlich veränderten Lebenssituation als pflegender Angehöriger berichten möchte. Nur so haben diese die Möglichkeit, einen in dieser schweren Zeit zu unterstützen und auch ein Stück weit zu entlasten. Es bleibt aber jedem selbst überlassen, in welcher Intensität man seine Situation besprechen möchte.

Obwohl wir selbst beruflich in einem ähnlichen Bereich arbeiten (Ärztin, Psychologin), haben wir gemerkt, dass in der Rolle als nah betroffene Angehörige keine Professionalität, Rationalität oder Fachwissen von uns erwartet werden kann. Wir haben uns nicht unserer speziellen Berufsgruppe angehörig gefühlt, sondern waren an erster Stelle besorgte und betroffene Angehörige.
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8.    Kinder

Wenn Kinder und Jugendliche unmittelbar auch als Angehörige betroffen sind, ist es wichtig, sich gezielt für diese Altersgruppe Informationen einzuholen und diese in den Krankheitsverlauf mit einzubeziehen. Kinder und Jugendliche benötigen spezielle Hilfestellungen und reagieren anders als Erwachsene. Einen guten Überblick bieten die Broschuüren der Krebshilfe.
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9.    Umgang mit Gefühlen 

Gerade in der Zeit der Krankheit treten nicht nur beim Erkrankten, sondern auch bei einem selbst oft unterschiedliche Gefühle auf, die man in dieser Intensität davor noch gar nicht kannte oder die einem vielleicht überhaupt fremd sind. Wir haben diese Gefühle (Angst, Wut, Trauer,…) oft gemeinsam mit den erkrankten Angehörigen besprochen, hilfreich waren auch Gespräche mit FreundInnen und Verwandten. Weiters besteht die Möglichkeit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. In der Zeit der Erkrankung können Klinische PsychologInnen, PsychoonkologInnen oder PsychotherapeutInnen wichtige WegbegleiterInnen für PatientInnen, aber auch für nahe Angehörige darstellen. In allen Spitälern gibt es eigens ausgebildetes Personal, das auch den allerengsten Angehörigen für Gespräche zur Verfügung steht. Auch besteht die Möglichkeit, sich als nahe/r Angehörige/r beispielsweise an die psychosozialen Notdienste (für Wien: psd-wien.at) oder die Krebshilfe zu wenden. 
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10.    Es ist, was es ist.

Wir Menschen möchten gerne alles kontrollieren und beeinflussen können. Gerade für uns war es eine der größten Herausforderungen zu akzeptieren, dass wir noch nicht in der Lage sind, alle Krebserkrankungen und die verschiedenen Verläufe der Erkrankung erklären oder beeinflussen zu können. Die wohl schwierigste Aufgabe besteht darin, sich nicht mit der Frage nach dem Warum zu quälen – eine Frage, auf die wir wahrscheinlich in diesem Leben keine entsprechende Antwort finden werden – sondern stattdessen die Zeit im Hier und Jetzt zu nützen und auf einen guten Ausgang zu hoffen. 

© Rose Erkul

Teil 2: Erneutes Auftreten der Erkrankung

Dieser Informationsteil richtet sich an junge Erwachsene, die eine nahestehende Person begleiten, bei der eine Wiedererkrankung aufgetreten ist, die wahrscheinlich einen lebensverkürzenden Verlauf nehmen wird. 
In diesem Kapitel möchten wir bewusst Hilfestellungen an junge Erwachsene weitergeben, die einen geliebten Menschen in der letzten Lebensphase begleiten und vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben vor der unbekannten Herausforderung stehen, Sterbebegleitung zu leisten. Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg, mit dieser Situation umzugehen. Wichtig ist allein, dass es sich für alle Beteiligten richtig anfühlt.
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11.    Innigkeit

Während der Zeit der Krankheit kann vor allem in der letzten Lebensphase eine sehr innige Beziehung zu dem geliebten Menschen entstehen, die man in dieser ganz besonderen Intensität zuvor noch nicht kannte. Es ist wichtig, sich bewusst auf diesen Weg einzulassen, sich dafür Zeit zu nehmen und auch ein stückweit aus dem „normalen Alltag“ auszusteigen. Der Weg der Sterbebegleitung kann einen Menschen verwandeln. Dies kann sich in einer Lebensphase ereignen, in der für den Großteil der Gruppe der Gleichaltrigen andere Ereignisse vorgesehen sind (z. B. Ausbildung/Berufseinstieg/Familiengründung). Diese Verwandlung kann jedoch unserer Meinung nach nur dann stattfinden, wenn wir uns als naher Angehöriger auf die Situation einlassen.
Rückblickend berichten viele Menschen, dass in ihnen während dieser Zeit der Begleitung Kräfte mobilisiert werden konnten, die sie zuvor noch gar nicht für möglich gehalten hatten.
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12.    Spitalsaufenthalt

Spitalsaufenthalte werden oft bei Fortschreiten der Krankheit in immer kürzeren Abständen nötig. Zunehmend mehr Zeit wird im Krankenhaus verbracht. Es hilft, auf der Station Kontakt zu einem Arzt des Vertrauens zu suchen, den man wiederholt für Gespräche hinzuziehen kann. Gerade in der letzten Lebensphase ist es nach Absprache oft möglich, den Angehörigen zu Bestrahlungsterminen, Untersuchungen und Arztgesprächen auch außerhalb der Besuchszeiten zu begleiten.
Man ist im Krankenhaus oftmals nicht nur mit dem eigenen Leid konfrontiert, sondern wahrscheinlich noch nie zuvor so vielen schwerkranken Menschen begegnet. Um sich die eigene Kraft für die Begleitung der kranken Angehörigen zu bewahren, ist es wichtig, sich von anderen Schicksalen auf der Station soweit wie nur möglich abzugrenzen.
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13.    Professionelle psychologische Hilfe für nahe Angehörige

Bei Wiederauftreten der Erkrankung ist es ratsam, professionelle Hilfe durch klnische PsychologInnen, PsychoonkologInnen oder PsychotherapeutInnen im Spital, bei der Krebshilfe oder in einer privaten Praxis aufzusuchen. Geschulte Fachkräfte können einen in dieser Zeit unterstützen, da sie über das professionelle Wissen verfügen und gleichzeitig auch aus einer gewissen Distanz heraus die Situation überblicken. 

Als ganz nah betroffene/r Angehörige/r kommt es oft vor, dass das gesamte Ausmaß der Situation nicht beurteilt werden kann. Dann ist es wichtig, wenn ausgebildete Fachkräfte einen für den kritischen Gesundheitszustand sensibilisieren und behutsam auf den nahenden Abschied vorbereiten. 
Viele OnkologInnen haben im Gegensatz dazu große Schwierigkeiten im Umgang mit dem Thema Tod beziehungsweise verfügen nicht alle über eine geschulte Ausbildung, wie sie nahe Angehörige zu diesem Thema einfühlsam heranführen können. Die Erwartung an OnkologInnen besteht oft darin, den Menschen um jeden Preis zu heilen und nicht aufzugeben. Neben PsychologInnen gibt es auch das professionelle Angebot der Seelsorge und ehrenamtlicher SeelsorgerInnen (insbes. auf Palliativstationen).
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14.    Arbeitsalltag

Wenn einen die Nachricht ereilt, dass mit einer weiteren Verschlechterung des Gesundheitszustandes zu rechnen und eine Lebensverkürzung des geliebten Menschen durch die Krebskrankheit zu erwarten ist, sollte unbedingt ein klärendes Gespräch mit dem/r ArbeitgeberIn geführt werden. Es gibt beispielsweise in Österreich die Möglichkeit, eine Hospizkarenz zu beantragen. Auch können vielleicht mit den Vorgesetzten andere Lösungen gefunden werden.
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15.    Wünsche des Patienten ermöglichen – Spitalsaufenthalt vs. Pflege zuhause

Wenn aus medizinischer Sicht nichts gegen eine Pflege zuhause spricht und diese auch finanziell leistbar ist, so besteht die Möglichkeit, dass der Erkrankte nicht auf die Palliativstation verlegt werden muss, sondern zuhause gepflegt werden kann. Pflegekräfte für zuhause können beispielsweise über das „Caritas Hospiz“ (caritas-wien.at) oder auch über die Organisation „Helfende Hände“ (helfendehaende.com) organisiert werden. Bei jeder Krankenkasse besteht zudem die Möglichkeit, um finanzielle Unterstützung anzusuchen (case and care management).
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16.    Praktische Tipps für den Alltag mit dem/der PatientIn

Viele hilfreiche Tipps für die Begleitung von schwerkranken Menschen finden sich in der Broschüre „Begleiten bis zuletzt“ des Hospiz Österreichs (hospiz.at). Auch wenn es sich um eine sehr ernste Situation handelt, ist es trotzdem wichtig, dem Patienten ein gewisses Maß an Normalität zu ermöglichen und ihn weiterhin in alltägliche Entscheidungen einzubinden.

Die folgenden Punkte sollen Beispiele für den alltäglichen Umgang für Zuhause oder bei Besuchen im Spital bieten, die vielen schwer erkrankten Menschen in ihrer letzten Lebensphase Freude bereiten: 

  • Shakes/Smoothies/erfrischende Getränke/Eis    
  • gewohntes Gewand ins Spital mitbringen
  • vorlesen, gemeinsam Hörbücher hören 
  • miteinander Zeit verbringen, anwesend sein    
  • Körpermassagen
  • Spaziergänge/Ausflüge/kleine Reisen (ev. Rollstuhl ausborgen)    
  • Treffen mit gewünschten Personen organisieren
  • E-mails checken, SMS verfassen    
  • Wünsche soweit wie möglich erfüllen
  • viele Gespräche führen

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17.    Rückzug

Es ist wichtig zu wissen, dass sich Menschen in ihrer letzten Lebensphase immer mehr zurückziehen. Viele möchten am Ende nur noch von den allerengsten Angehörigen sowie FreundInnen besucht und betreut werden. Als nahe/r Angehörige/r ist es gut, in dieser Zeit Gespräche zu eröffnen und zu fragen, ob der Wunsch besteht, bestimmte Personen noch einmal zu sehen. Sollte die Zeit ausreichend sein, würden wir auch raten, Kontakt zu nahen FreundInnen aufzunehmen und diese für das Ausmaß der Erkrankung zu sensibilisieren. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass gerade bei der Erkrankung eines/einer jungen Erwachsenen oftmals die gesamte Tragweite nicht erkannt wird. 
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18.    Die Therapie greift nicht.

Auch wenn die Krankheit weiter fortschreitet, heißt dies nicht, dass der/die PatientIn etwas falsch macht. In vielen Büchern und auch in unserer Gesellschaft wird der Eindruck erweckt, dass Krebs eine Krankheit ist, dessen Verlauf man selbst bestimmen kann. Überlege dir im Vorfeld, wie du auf Aussagen dieser Art reagieren möchtest: „Ich kenne einen Wunderheiler. KrebspatientInnen suchen diese Person auf, packen dann ihren Koffer und der Krebs zieht aus.“  „Ein Freund hatte Krebs. Er hat die Therapie abgebrochen und stattdessen eine Psychotherapie begonnen. Seitdem ist er gesund.“ 
Obwohl es auch unser Herzenswunsch gewesen wäre, dass WunderheilerInnen existierten, der den Krebsauszug vollbringen oder durch eine Psychotherapie der geliebte Mensch bei uns bleiben kann, glauben wir dennoch, dass diese Heilungsprozesse in der Regel nicht existieren. Zudem erzeugen diese Aussagen einen großen Druck auf nahe Angehörige und auch auf die PatientInnen. Es wird eine falsche Erwartungshaltung an die erkrankte Person herangetragen, falls sich sein Zustand trotz Inanspruchnahme komplementärmedizinischer oder psychotherapeutischer zusätzlicher Behandlung weiterhin verschlechtert. 
Das Voranschreiten der Krankheit steht weder ausschließlich in der Macht der Erkrankten, noch in der Macht der ÄrztInnen.
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19.    Hoffnung und Humor

Im gesamten Krankheitsverlauf sollte unserer Meinung nach, auch in der letzten Lebensphase, immer Platz zur Hoffnung bleiben. Jedoch meinen wir mit Hoffen nicht ein Verschließen vor der Realität. Unsere Erfahrung hat uns gezeigt, dass jene ÄrztInnengespräche am hilfreichsten waren, in denen einerseits der Ist-Zustand erklärt wurde, jedoch trotzdem betont wurde, dass bis zuletzt mit uns auf einen positiven Ausgang gehofft und alles medizinisch Mögliche dafür ausgeschöpft wird. Denn jeder Krankheitsverlauf ist individuell und die Krebsforschung erzielt täglich neue Erkenntnisse. 
Humor, vielleicht sogar Galgenhumor oder schwarzer Humor, kann gerade in diesem „emotionalen Ausnahmezustand“ manchmal allen Beteiligten helfen.
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20.    Abschied nehmen

In unserer heutigen Gesellschaft werden Sterbende oft von der Umgebung abgeschirmt. Es kommt vor, dass Menschen in der Anwesenheit von Personen im Krankenhaus sterben, die sie kaum oder gar nicht kannten. Wenn der/die PatientIn es wünscht und man sich selbst auf diesen Moment einlassen kann, so kann das Dabeisein zum Zeitpunkt des Todes unbeschreiblich berührend und kostbar sein. Es hilft zu wissen, dass heutzutage die Medizin so weit fortgeschritten ist, dass jeder Krebspatient angst- und schmerzfrei sterben kann. 
Auch wenn die Situation noch so schlimm ist, es ist ein großes Geschenk, sich von einem geliebten Menschen verabschieden zu können. Durch die gemeinsame Vorbereitung auf den nahenden Tod wird den Angehörigen der Weg durch die Trauer erleichtert. Der Trauerprozess beginnt unserer Erfahrung nach bereits noch im Beisein des geliebten Menschen. 

© Dawid Zawila