Wie es ist
von Katrin am 2015-03-22 10:31:31

Man kennt bestimmt das Gedicht von Erich Fried mit dem Titel „Was es ist“. In Anlehnung dazu habe ich ein Gedicht mit dem Namen „Wie es ist“ verfasst, das die Liebe zum Leben ausdrücken soll.

 

WIE es ist!

 

... Es ist die Tatsache enttäuscht zu werden, wenn man es am Wenigsten erwartet.

... Es ist ein Gefühl der Freiheit, wenn das Langersehnte endlich gekommen ist.

... Es ist die Einsamkeit, die einen traurig macht.

... Es ist der Funke Hoffnung, der bis zur letzten Sekunde bleibt.

... Es ist die schlechte Nachricht, die einem den Boden unter den Füßen wegzieht.

... Es sind die Kleinigkeiten, die einen positiv überraschen und zum Lächeln bringen.

... Es ist die Angst, die immer mit dabei ist.

... Es ist das Akzeptieren von Dingen, die wir nicht sehen können.

... Es ist die Kraftlosigkeit, die einen zur Verzweiflung treibt.

... Es ist der Neuanfang, der ein neues Kapitel beginnen lässt.

... Es ist das Trauma, das uns nicht mehr los lässt.

... Es ist das Miteinander, das uns neue Kraft schenkt.

... Es ist der Schmerz, der einen lebendig fühlen lässt.

... Es ist der Sonnenstrahl nach einem langen Gewitter, der auf der Nase kitzelt.

... Es ist das Zurückblicken, das uns durch Lebenserfahrung festigt.

... Es ist das Wachsen durch eine harte Probe, die uns gestellt wird.

... Es ist das Glück des guten Lebens, das wir fühlen.

... Es ist unser Stolz für unsere gemeisterten Herausforderungen.

... Es ist die Summe aller Momente.

... Es ist, wie es ist,

DAS LEBEN!

zuletzt geändert von Katrin am 2015-03-22 10:34:04



Begegnungen (3/3)
von Katrin am 2015-02-14 00:01:01

(4)

Der trostreichste Beistand ist der eines Leidensgenossen und deswegen ist E. für mich tagtäglich die Reflexion meines Spiegelbildes. Ohne sie wäre alles trister, denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Über E. werde ich sicher noch oft schreiben, da sie für mich essenziell geworden ist. Der Moment, wo ich sie das erste Mal persönlich sah, war ohnehin etwas ganz Besonderes für mich.

E. sah mich mit diesem durchdringenden Blick an und sagte bedrückend zu mir: „Ich bin so traurig, dass du das auch durchmachen musstest.“ Ein tiefgreifender Moment, der zwar aufzeigt, dass jeder Mensch sehr froh und erleichtert darüber ist mit seinem persönlichen Leid nicht allein auf dieser Welt zu sein, aber man leidet auch mit, weil man diesen Menschen in sein Herz geschlossen hat. Ich bin so froh, dass E. in mein Leben getreten ist und wir gemeinsam unser Leid ertragen.

 

(5)

Am 21.7.2012 ist ein weiterer Engel in den Himmel aufgestiegen. Eine Seele, die ich schon seit unserer ersten Begegnung ins Herz geschlossen hatte. Wir lernten uns im Krankenzimmer kennen und verstanden uns auf Anhieb. Mir kam selten eine so aufgeschlossene ältere Dame unter, die mir ziemlich schnell aufgrund unserer Sympathie das Du-Wort anbot. F. war für mich eine Art Freundin, die mir leider nur für kurze Zeit gewährt wurde.

Als sie eingeliefert wurde und ihr Bett neben meines zugewiesen bekam, war ich zuerst nicht großartig erfreut, aber schnell besserte sich meine Laune, als ich erkannte was für ein wunderbarer Mensch sie doch war. Wir saßen zueinander gedreht mit baumelnden Füßen auf unseren Betten und unterhielten uns über das Leben bis spät in die Nacht. Komischerweise störte uns niemand dabei und dafür bin ich sehr dankbar, denn es war der tolle Anfang vieler berührender Gespräche mit ihr. Wir blieben auch außerhalb des KH in Kontakt. Leider konnte ich an ihrem Begräbnis nicht teilnehmen, aber ich besuche ihre Grabstätte des Öfteren und bewahre sie in Erinnerung.




Begegnungen (2/3)
von Katrin am 2015-02-13 23:59:26

(2)

Eine überraschende und sehr berührende Begegnung hatte ich mit einer fremden alten Dame, die sich im winzigen Vorzimmer des PET-Scan-Untersuchungsraumes neben mich setzte. Ich war nicht besonders gut gelaunt und eher distanziert. Ich wusste, aber dass diese Dame mit irgendetwas haderte. Sie sah immer wieder zu mir und schüttelte bestürzt den Kopf. Als ich das erste Mal mich zu ihr drehte und ihr in die Augen sah, sprach sie mich an.

Leider weiß ich ihre genauen Worte nicht mehr. Ich weiß aber noch, dass sie Tränen in den Augen hatte und ihre Gedanken und Sorgen mit mir teilte. Sie verstand nicht warum so ein junger Mensch schon krank sei. Sie hatte anscheinend schon ein hohes Alter erreicht und fand ihren Gesundheitszustand angemessen. Ich sah in ihren Augen die Ehrlichkeit und den Schmerz. Als ich aufgerufen wurde, wünschten wir uns gegenseitig alles Gute. Bis heute blieb mir die Erinnerung an sie im Gedächtnis.

 

(3)

Diese Begegnung, die mich einiges an Überwindung gekostet hat, möchte ich ein wenig umschreiben um die Person zu schützen, die ich hier erwähne. D. ist jemand, bei dem ich mein Leid nicht aussprechen musste. Er weiß, was ich meine ohne es direkt zu fühlen, was ich fühle. Besser gesagt: D. ist kein Betroffener, er kennt sich aber in der Welt eines Erkrankten aus. Mir war seine Meinung über einen Text von mir wichtig und deshalb fasste ich meinen Mut und zeigte ihn D.

Ich beobachtete ihn beim Lesen und gegen Ende war da ein Moment, über den ich mir bis heute unsicher bin. D. war meist emotional distanziert, aber doch sehr einfühlsam, aber für mich ein besonderer Mensch. Diese eine Begegnung mit ihm machte es so besonders für mich, weil ich glaube, dass da ein bestimmter Zeitpunkt war, wo er mit den Tränen kämpfen musste, weil er ganz kurz meine Welt mit meinen Augen sah.




Begegnungen (1/3)
von Katrin am 2015-02-13 23:53:36

Es gab Momente, die ganz besondere waren. Momente mit Menschen, die auf unterschiedlichsten Arten mein Herz berührt haben.

(1)

Einer der wohl unvorhersehbarsten Begegnungen war, die mit einem meiner Onkologen, bei dem die gegenseitige Sympathie eher gering war, aber trotz allem gab es da einen besonderen Moment.

Ich befand mich am ersten Tag eines Chemozykluses. Kurz zuvor war ich noch in der Ambulanz bei ihm und außer der ermüdungslosen Nervosität vor dem was mir in den nächsten zwei bis drei Wochen bevorstand, fühlte ich mich mehr oder weniger gut. Allerdings wendete sich das Blatt nach den ersten Zytostatika-Infusionen. Es war Visite und ich wusste, dass mein Zimmer schon bald an der Reihe war, musste aber noch dringend meine Blase entleeren und dachte es könnte sich ohne Weiteres ausgehen, damit niemand auf mich warten musste. Als ich die Toilettentür öffnete, stand mein Onkologe da und sah mich mit einem besonderen Blick an. Ich habe lange gebraucht diesen Blick zu deuten.
Er war so voller Tatsachen und Aussagen. Ich hatte das Gefühl er sah MICH das erste Mal.
Er sah, den kranken Menschen und nicht die Krankenakte. Er nahm mir meine Urinprobe ab, als wäre es selbstverständlich. Außerdem nahm er mir jeglichen Stress, als ich mich für mein Schneckentempo entschuldigte.

Der Vergleich zum vorherigen Zustand war enorm und das sah er auch. Eigenartigerweise wuchs die Sympathie zwischen uns nicht, aber das Vertrauen. Er brauchte keine detaillierte Krankenakte, ich wusste über meinen CHT-Zyklus und geplante Medikation Bescheid und er vertraute mir.

zuletzt geändert von Katrin am 2015-02-13 23:58:03



Das Krebsmädchen
von Katrin am 2015-02-13 23:07:43

Voller Entsetzen und ein Stück mehr greifbare Realität brachte mir die Tatsache, dass meine Mitmenschen, die über mich Bescheid wissen, in mir in erster Linie das Krebsmädchen sehen anstatt den Menschen, der ich bin. Vielleicht hat mir meine geringe kindliche Naivität in mir weiß machen wollen, dass der Stempel auf meiner Stirn irgendwann nur mehr bei genauer Betrachtung sichtbar ist. Vielleicht war ich der Meinung, dass die Zeit, die bereits vergangen ist, es allmählich ein wenig verblassen ließ, dem ist aber anscheinend nicht so.

Dieses Erkennen machte mich im ersten Moment wahnsinnig traurig und verursachte schlagartig nasse Wangen in meinem Gesicht. Erst nachdem ich dieses „ich bin ewig damit geprägt“ wieder oberflächlich verdaut hatte, hatte ich Mut es zu hinterfragen.

Auch wenn ich sehr selten über das was passiert ist mit Nicht-Betroffenen spreche, ja sogar vermeiden möchte, so befinde ich mich doch in einer speziellen Schublade. Es kommt langsam die Vermutung auf, dass ich nicht darüber sprechen muss, sondern, dass sie es spüren, den Scherbenhaufen in mir, der nicht ausgesprochen werden muss. Ich versuche nun den Drang nach der ewigen Hinterfragung zu unterdrücken, aber es gelingt mir nur bedingt.

Warum glaubt man denn, man muss sich mir gegenüber rechtfertigen oder gar die Nicht-Karzinomerkrankung mit dem Krebs vergleichen? Ich versuche keine Erkrankungen zu vergleichen, denn es bringt rein gar nichts, soviel habe ich herausgefunden, jedoch ertappe ich mich selbst dabei, selten aber doch.

Vor allem stellt sich die Frage wie man denn eine Erkrankung realistisch und richtig beurteilen kann, die man niemals hatte? Jedoch ist es leider so, dass Krebs und viele andere lebensbedrohliche Krankheiten immer am sprachlosesten machen. Er wird nicht immer gewinnen, aber er ist ganz weit oben mit dabei.




Ein Stückchen Akzeptanz
von Katrin am 2015-02-13 22:42:26

„Und was machst du so?“ ist üblicherweise eine Frage unter fremden Menschen, die nach dem Berufsstand fragt. B. meinte mal, dass sie auf diese Frage gerne mit „leben“ antwortet, da sie sich nicht über ihren Beruf definiert. So auch ich, hatte den Begriff bereits im Kopf entschied mich aber dann doch ehrlich und nüchtern zu antworten. Ich nahm an mein Gegenüber hätte bereits gehört, dass ich krank gewesen war, dem war aber leider nicht so.

Als ich das Wort „Krebserkrankung“ aussprach, veränderte er seine Mimik von heiter und fröhlich schlagartig auf nachdenklich und traurig. Er fragte nicht weiter und ließ meine Antwort zwischen uns stehen und wir warteten beide ab bis sie langsam verdaut wurde. Ich fühle mich eigenartig. Ich weiß ich habe nichts falsch gemacht, aber trotzdem quält mich ein Gefühl, was ich nicht genau benennen kann. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Schuldbewusstsein und Realisierung. Ich habe nicht viel nachgedacht über meine Antwort und mir kommt es im Nachhinein sehr salopp und etwas rücksichtslos vor, aber ich glaube, dass es das Stückchen Akzeptanz war, was aus mir gesprochen hat und nun muss ich seine Reflexion verarbeiten.

Ja, es ist eine riesen Sache.
Ja, es reißt einem komplett aus seinem gewohnten Leben.
Ja, es macht auch mich heute noch sehr traurig andere Menschen mit meinem Schicksalsweg wach zu rütteln. Er war sichtlich schockiert, besonders mein Alter schockiert. Ich wünschte, ich hätte in diesem Moment seine Gedanken lesen können.

Mittlerweile habe ich ja schon zahlreiche unterschiedliche Reaktionen kennengelernt, aber schon lange keine von dieser Sorte miterlebt. Ich komme nicht darum herum mich zu fragen, warum es sich genau jetzt so eigenartig anfühlt. Vielleicht habe ich es geschafft, die letzten Tage alles mehr zu verdrängen als sonst. Vielleicht wollte ich aber auch einfach einen netten und sympathischen Menschen nicht traurig machen und wohlmöglich seinen Tag vermiesen. Aber irgendwann müssen wir uns alle der ganzen Wahrheit stellen, darum kommt niemand herum.




Rezidivangst
von Katrin am 2015-02-13 21:56:59

Ich verdränge die meiste Zeit sonst würde die Rezidivangst mein Leben beherrschen. Es gibt aber Zeiträume, wo sie das tut, mich fesseln und drosseln. Der Gedanke wird immer größer und ich gebe ihm einfach den Raum und die Bedeutung dafür. Warum aber tue ich das? Und was kann ich dagegen tun? Stichwort Achtsamkeit und im Hier und Jetzt leben sind keine Klugredner-Begriffe, es kann eine Lösung sein. Aber es ist und bleibt sehr schwierig, keine Frage. Ablenkung hilft auch nur bedingt.

Wenn das Unwohlsein, dass wir nach Therapie kennen oder vielleicht sogar schon Glück hatten und unser „normales“ oder akzeptierbares Wohlbefinden erreicht haben, vergleichen mit dem aktuellen Zustand und wenn dieser schlechter ist, dann passiert etwas.
Gruselige Gedanken von sämtlichen Karzinomen insbesondere des schon Erlebten kreisen zuerst langsam, dann wie wild durch unseren Kopf. Wir streben nach Sicherheit, Kontrolle und einen festen Halt. Genau das glaube ich in diesem Zeitraum genauso zu benötigen wie die Luft zu atmen. Schmerzen beeinflussen uns negativ. Umso länger sie anhalten, umso intensiver wird die Rezidivangst. Jeder kleinste Hinweis mag er noch so unbedeutend sein, wird analysiert und in diese Spirale miteinbezogen, die leider am Weg nach unten ist.


Nun heißt es durchbrechen. Alleine schaffe ich es hier nur selten wieder zur Ruhe zu kommen. Das ist das Schöne an Leidensgenossen und sehr guten Freunden, sie glauben an uns und können einen dadurch wieder beruhigen und am Boden der Welt zurückholen. Denn „was ist wenn, ...“ ist nur ein unnötiges Gedankenkarussell, das was zählt ist JETZT.
Ich bin dankbar, dass wir uns gegenseitig unterstützen können und am Ende es sogar manchmal absurd finden, warum wir sie soweit in uns eindringen lassen konnten - die fesselnde Angst.

zuletzt geändert von Katrin am 2015-02-13 21:59:36



Glückspilz
von Katrin am 2014-11-16 23:52:27

Als ich auf der Suche nach wunderschönen Herbstfotos aus der Zeit vor dem großen einschneidenden Erlebnis war, entdeckte ich eine interessante Email. Ein komisches Gefühl, wenn man sich in dem alten Selbstgeschriebenen kaum wiedererkennt. Vor Jahren war vieles anders, ich war anders. Allerdings war diese Email eine ganz besondere. Sie handelt von meinem glücklichsten Tag in meinem Leben. Kein Ereignis kann hier mithalten. Keine Geldsumme kann das bewirken. Es war der Tag an dem ich mir sicher war, dass das oft erwähnte „Glück im Unglück“ nun wirklich Realität wurde.

Diese Befunde vom Staging lösten in mir eine Welle an Sicherheit, Stolz und Dankbarkeit aus. Ich durfte mich zu denen zählen, die das Privileg einer 2. Chance bekamen. Wie begeistert und völlig gelöst ich diese Zeilen verfasst habe, beeindruckt mich heute noch. So überglücklich und strahlend sind meine Erinnerungen an diesen Tag. Heute ehre ich diesen Tag als meinem ganz persönlichen 2. Geburtstag.

Der Zuspruch „ Es wird alles gut werden.“ wünscht man sich in besonders schwierigen und traurigen Zeiten manchmal sehr. Wenn es einen dann auch widerfährt, stärkt das Glaube und Hoffnung und man kann endlich wieder durchatmen.

 

Ich führe mir diese Wechselhaftigkeit vor Augen und merke, dass ich mich für manche wütenden Momente schäme. Aber letztendlich ist es gleichgültig, denn JETZT kann ich es wieder spüren. Dieses wahnsinnig große Glück, besser als ein Lotto-Sechser, ich Glückspilz.

 

 

In besonders harten und schwierigen Zeiten helfen mir genau diese Zeilen um mich wieder zu besinnen und neuen Mut zu fassen. Vertrauen ins Leben zu haben ist etwas Wichtiges und Besonderes.

zuletzt geändert von Katrin am 2014-11-16 23:55:46



Gefühlswelten - Traurigkeit
von Katrin am 2014-10-09 14:16:45

ARD-alpha strahlt eine DOKU-Reihe aus, die nennt sich „Gefühlswelten“. Eine Sendung, die genau meinen Interessen entspricht. Seit geraumer Zeit verfolge ich die Serie zu den unterschiedlichsten Emotionen. Ich finde die Hintergrundinformationen und die Expertenmeinungen äußerst spannend. Eine Folge beläuft sich auf kurze 15 Minuten, die allerdings gut genutzt werden.

Hier möchte ich meine wichtigsten Erkenntnisse von der Folge „Traurigkeit – die Facetten des Schmerzes“ zusammenfassen:

Trauern ist ein jahrelanger Prozess. Es stellt sich die Frage, ob Tod und Sterben auch heute Tabuthemen sind. Definition Trauer: eine multidimensionale Reaktion auf ein Verlusterlebnis, Empfindungen währenddessen: Chaos aus Schmerz, Verzweiflung, Angst, körperlichem Schmerz, Wut, vielleicht Dankbarkeit, vielleicht Erleichterung.

Es ist ein langer Bewältigungsprozess. Traueraufgaben kommen in Wellen. Zuallererst muss das Erlebnis als Realität anerkannt werden, sich mit der neuen Lebenssituation zu arrangieren, lernen Lücken zu schließen, den Verlust zu integrieren. Am Ende werden die Gefühle flacher und ruhiger.

Trauer muss raus, aber dazwischen ist Erholung und Entspannung wichtig und zwar wann immer es möglich ist. Jedoch weniger ernst genommene lange Trauerarbeit bei den Lebensthemen: Beruf und Liebe. Trauer zu bewältigen ist schwer, aber gesund. Langanhaltende Trauer -> Depression? Trauer überstreckt sich nicht nur auf ein Jahr, sondern meistens auf Jahre.

Es werden Rituale und Kondolenzformen in der Gesellschaft erörtert. Es folgt die Definition von Melancholie und Schwermütigkeit. Abschlussfrage: Brauchen wir nicht sogar melancholische Momente um uns die Bedeutung des Lebens zu vergegenwärtigen? Antwort: Sie bringt Klarheit und spült weg was weg gehört.

 

Sendungsinformation:

http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/gefuehlswelten/gefuehlswelten-traurigkeit-100.html

Zum Nachsehen:

http://www.ardmediathek.de/tv/Gef%C3%BChlswelten/Traurigkeit-die-Facetten-des-Schmerzes/ARD-alpha/Video?documentId=22845088&bcastId=22845062

 

zuletzt geändert von Katrin am 2014-10-09 14:18:15



Einfach vertrauen
von Katrin am 2014-10-07 12:35:12

Ich bin am Boden zerstört. Man hat mir meinen Zukunftstraum genommen. Ich dachte die Welt stand mir offen, aber das tut sie nicht. Verschlossener denn je mit jeder Menge Hindernissen, die mir genau auf meinem Weg sich wieder in das Berufsleben zu integrieren, immer größer und stärker werdend erscheinen. Die Enttäuschung ist groß und hinterlässt, so ein Gefühl der Leere, als ob etwas nicht mehr vorhanden ist. Ich erkenne, dass ich das nicht zulassen darf. Ich darf mir das nicht nehmen lassen. Nicht mit mir!

Dann eben nicht Plan A. Nur leider habe ich mich für Plan B bis Z noch keine konkreten Gedanken gemacht. Hätte ich vielleicht tun sollen, dann wäre diese Leere nicht so ahnungslos und bedrückend. Vielleicht fühle ich mich so schlecht und reagiere introvertiert, weil ich so felsenfest davon überzeugt war, dass es das ist. Immerhin hat es auch Zeit, Kraft und negative Erfahrungen gekostet sich für Plan A zu entscheiden und überhaupt von ihm zu erfahren.

Aufstehen und Weitermachen ist so wahnsinnig weit weg. Ich versuche abzuwägen, ob ich etwas grundlegend falsch mache, meine Probleme falsch angehe oder ob ich verdammt in meiner Einschränkung und in meinem Schicksalsschlag bin.
Was soll ich nur machen?

Die Wirtschaftslage wird auch nicht besser, die Chancen verschlechtern sich in meinem Kopf und es wird dunkel. Ich wünschte ich könnte davon laufen. Einfach fliehen von meinem Leben. „Sie sind eine Kämpferin.“, sagte sie zweimal zu mir.
Ich bejahte und ergänzte „jeden Tag aufs Neue“. Jetzt ist die Kämpferin, aber stumm, verzweifelt und traurig.
Mein Selbstschutz ist aktiviert. Ich versuche nicht zu denken, was ich falsch gemacht habe, sondern, dass das Schicksal ist und für irgendwas gut sein muss. Ich versuch zu vertrauen, tief durch zu atmen und zu hoffen, dass sich eine andere Chance oder Möglichkeit ergeben wird. Es wird sich eine andere Tür öffnen. Diese Tür war vielleicht nicht das Richtige, auch wenn es den Anschein gemacht hat, aber es wird ein Plan kommen und sich erfüllen mit dem ich auch leben kann und mit dem ich zurechtkomme, der mir erlaubt zufrieden zu werden.
Ich muss einfach vertrauen. Vertrauen in das Gute, denn es ist da, auch wenn ich es gerade nicht sehen kann. Einfach vertrauen!

zuletzt geändert von Katrin am 2014-10-07 12:42:50



Die Therapie
von Katrin am 2014-10-07 12:20:35

Davonlaufen

Ich habe Dir Dein Leben gerettet.
Habe Dich krebsfrei gemacht.
Habe die bösartigen Zellen getötet.
Ich bin dein Retter in der Not.
Ich bin dein neues gerettetes Leben.
Ich bestimme dein neues Leben.
Alles hat seinen Preis.
Der Preis für dein gerettetes Leben ist
das Trauma, die Schmerzen, das Leid, die Erschöpfung,
die Selbstzweifel, die Angst, die Verzweiflung, der Hass, die Wut,
die Trauer, die Verwirrtheit, die Unglaublichkeit, die Unfassbarkeit,
die Entfremdung, der Unmut, die Depression, die Alpträume,
die Panik, die Taubheit, die Demut, die Unbeweglichkeit, die Folter,
die Machtlosigkeit, das Ausgeliefertsein, der Verlust, die Verletzungen,
die Hilflosigkeit, das Grauen, die Furcht, die Schreckhaftigkeit,
die Demotivation, die Kraftlosigkeit, die Boshaftigkeit, die Krankhaftigkeit,
die Verkrampfung, die Bestrafung, die Schwäche, die Schlaflosigkeit,
die Energielosigkeit, die Behinderung, die Beeinträchtigung, die Wehmut,
der Mangel, die Anspannung, die Ermüdung, die Mattheit,
die Minderwertigkeit, die Schädigung, das Laster, der Ärger,
die Unzufriedenheit, der Zorn, die Gereiztheit, der Verdruss,
die Enttäuschung, der Frust, die Entmutigung, die Unlust, die Bitterkeit, …
Jedoch ist Dein Gewinn größer.
Dein Gewinn ist DEIN LEBEN.
Dein Atmen, Dein Herzschlag.
Deine Chance zu LEBEN!

 

zuletzt geändert von Katrin am 2014-10-07 12:29:27



Diese tristen Morgen
von Katrin am 2014-10-07 12:09:58

An vielen Tagen seit dieser großen und mächtigen „Sache“ wache ich morgens auf und alles ist grau und düster. Ich fühl mich absolut unfähig aufzustehen und den Tag zu nutzen. Es ist sehr deprimierend, wenn diese Tagesanfänge nicht vereinzelt auftreten.

Es gab eine Zeit, in der ich mit Kraft und Elan meinen Tag begonnen habe. Nur mit Wehmut blicke ich zurück und sehe mein altes Leben einer gesunden jungen Frau. Ich weiß, ich blicke zu oft zurück und ich weiß, dass man erst dann, wenn man etwas nicht mehr hat, es am meisten vermisst. Diese Wertschätzung findet erst nachträglich statt und macht den Anschein absolut keinen Nutzen zu haben. Ich versuche es jedoch als Ziel zu verwenden, denn ich will es nicht als gegeben ansehen. Ich denke, dass Rückblicke auch etwas Gutes an sich haben. Man kann sie nutzen um aus den vergangenen Geschehnissen zu lernen, egal ob es etwas Positives oder Negatives war. Wichtig ist dabei nur, dass man in ihnen nicht verweilt. Das ist die große Gefahr und Herausforderung.

Ich kann es nicht mit mir selbst vereinbaren, dass ich fast jeden Morgen eine Art „Morgendepression“ entwickle, die sich als große Gleichgültigkeit definiert. Mein Körper fühlt sich schwach und ausgelaugt an, meine Muskeln verkrampft, schmerzend und meine Augen geschwollen. Ich benötige Zeit und Kraft um mich wieder menschlich zu fühlen und auch so auszusehen. Die Demotivation sitzt tief und lässt sich nicht einfach so abschütteln.

Allerdings habe ich mit der Zeit eine wirksame Methode entwickelt, wie ich diese Demut ignorieren bzw. beiseite schieben kann, mit der Voraussetzung genügend Energie zu haben.

Mach es einfach! Einfach machen. Das klingt abwegig, aber wenn ich mich darauf konzentriere nicht über etwas Bestimmtes nachzudenken, sondern mich rein auf die Tätigkeit, was es auch immer sein mag, zu fokussieren, dann finde ich einen guten Einstieg. Um genauer zu sein, ich konzentriere mich auf den genauen Handgriff, danach habe ich den Eindruck es fällt mir leichter mit etwas anzufangen um den Tag zu beginnen. Wenn ich es geschafft habe, vieles um mich auszublenden besteht leider die Gefahr sehr schreckhaft zu sein. Auch wenn ich weiß, ich befinde mich nicht allein in der Wohnung, so erschrecke ich immer wieder aufs Neue. Ich denke, es ist ein Zeichen des bestehenden Traumas. Mein Trick fällt in die Kategorie Achtsamkeit und ist sicher nichts Außergewöhnliches, aber trotzdem freue ich mich eine Methode für mich gefunden zu haben, auch wenn sie nicht immer funktioniert aber oft genug.

zuletzt geändert von Katrin am 2014-10-07 12:11:14



Nur wegen uns
von Katrin am 2014-06-09 13:39:52

C. und ich sitzen an einem Tisch. Wir kommen ins Plaudern und tauschen Erfahrungen aus. Auch sie musste viel Kraft aufwenden und hat viel Leid erlebt. Doch das größte Leid, wo ihr sofort die Tränen in die Augen schossen, ist die Tatsache, dass ihre Familie wegen ihrer Erkrankung sehr viel Leid durchlebt hat. Dieses Bild ihrer weinenden Eltern vor ihrem inneren Auge wird sie niemals vergessen können. Irgendwann wird aber die Zeit kommen, wo sie damit umgehen kann, aber zur jetzigen Zeit sitzt der Schmerz noch zu tief und sie bekommt sofort feuchte Augen. Ich musste schlucken um es ihr nicht gleichzutun.
Gleichzeitig entdeckte ich eine Gemeinsamkeit. Auch ich fand es fürchterlich, wie meine Familie wegen mir gelitten hat und teils auch heute noch immer leidet. Die Schuldzuweisung, die wir uns damit aufhalsen, ist absoluter Blödsinn, doch von heut auf morgen nicht einfach so zu ändern. Nicht nur, dass es eine Zeit gibt, in der wir glauben, dass wir ganz allein für unseren Schicksalsschlag verantwortlich sind, nun halten wir auch an dem Gefühl fest, es wäre ausschließlich nur wegen uns, dass unsere nahestehenden liebenden Mitmenschen großes Leid durchgemacht haben.

Nicht ich bin der Grund warum meine Mutter bei meinem Anblick immer an diese Zeit zurück denken wird, sondern meine Erkrankung.
Nicht ich bin der Grund, sondern meine Erkrankung!
Meine Erkrankung ist der Grund und nicht ich!

In unserem jungen Alter ist so eine ernste Erkrankung eine Seltenheit und für den natürlichen Lauf des Lebens äußerst ungewöhnlich. Es ist deswegen auch so schwierig zu verstehen und zu akzeptieren. Ich möchte keinesfalls damit sagen, dass es nicht auch sehr schlimm ist, einen älteren Menschen zu verlieren, aber ich habe schon sehr viele Menschen sagen hören: „Das Schlimmste ist, wenn die Kinder vor den Eltern gehen müssen.“

zuletzt geändert von admin am 2014-06-10 09:14:29



Es wird besser werden
von Katrin am 2014-06-09 13:39:02

Es ist ein fantastischer Ausblick von meinem Zimmer auf einer rein onkologischen Rehabilitation. Ich sitze auf dem Balkon und blicke in die Ferne. Der grüne Wald und die flauschig weißen Wolken vor mir wirken beruhigend und nach einigen Malen sogar auch entlastend.

 

Endlich habe ich mal wieder Zeit für mich. Zeit um den Alltag hinter mir zu lassen, aber auch Zeit um mich mit den eigentlich wichtigen Dingen auseinander zu setzen.

Alles hat Vor- und Nachteile, aber für mich überwiegen hier am Sonnberghof in Bad Sauerbrunn, definitiv die Vorteile. Schon allein weil ich von zu Hause weg bin, habe ich zum 3. Mal die Chance bekommen auszubrechen, umzudenken und neu zu fokussieren. Die wunderbare Ruhe und Stille, die dieser Ort für mich ausstrahlt, versuche ich in mich aufzunehmen. Nach zwei Aufenthalten in denen ich immer fleißig war und auf sehr viele Therapien und Tätigkeiten gesetzt habe, mache ich dieses Mal ALLES ANDERS. Ich habe endlich erkannt was mir wirklich gut tut und was ich JETZT brauche: Ruhe und Erholung.

…damit mein Körper und mein Geist sich entfalten können.
…damit ich in Ruhe träumen kann um herauszufinden wo ich hingehöre
   und in welche Richtung ich mein Leben lenken möchte.

Es bleibt der hartnäckige Wunsch mich endlich wieder wohl zu fühlen. Im Moment ist die Wut an einem anderen Ort, das heißt sie befindet sich, wie sonst üblich, nicht mehr in mir. Ich befinde mich auf den Weg des Akzeptierens und des Arrangierens. Meine Liebe Freundin und Leidensgenossin B. ist mir um Jahre voraus und versprach mir schon beim Kennenlernen, dass alles mit der ZEIT besser werden würde. In meinem Frust und Selbstmitleid konnte ich es noch nicht annehmen und für möglich halten. Als ich heute ganz ohne viel nachzudenken jemanden, der erst kurz nach Therapieende steht, sagte:
„Es wird besser werden. Ich weiß, man kann es JETZT nicht glauben und es sich vorstellen, aber es wird WIRKLICH BESSER werden!“
wusste ich, dass dies der Anfang von etwas ist, was ich endlich zulassen kann.

DANKE, liebe B., dass du mir seit Ende Chemotherapie zur Seite gestanden bist und bis heute noch immer stehst! Durch dich habe ich soviel gelernt.

DANKE auch an das gesamte Sonnberghof-Personal für die großartige und freundliche Arbeit, die Sie tagtäglich leisten!

zuletzt geändert von Katrin am 2014-06-09 13:45:41



Hass
von Katrin am 2014-06-09 13:22:25

Ich empfinde Hass, wenn ich das Gebäude wieder betreten muss, wo ich einst geheilt wurde. Ich komme nicht umhin mich zu fragen: „Warum muss ich denn hier wieder her?“. Ich hasse es hier her zu kommen, obwohl ich noch immer in Vollremission bin. Ich weiß, ich sollte dankbar sein und einer besseren Einstellung, aber ich kann es jetzt nicht empfinden und es erfüllt mich mit Trauer und Wut zugleich. Auch Schuldgefühle machen sich breit. Jedes Mal, wenn ich zu einer Nachsorgeuntersuchung muss, kommt alles wieder hoch. Es fühlt sich an, als hätte ich Steine auf meiner Brust.

Schon allein auf dem Hinweg kommen Erinnerungen hoch und wenn ich dann vorm Eingang bin, sehe ich mich mit Glatze wie eine 90-Jährige hilfsbedürftig herum latschen. Ich sehe mich am Vorplatz aus dem Auto steigen und langsam von meiner Mutter gestützt in die Notaufnahme gehend. Es war Abend und zwei junge Leute saßen außerhalb und drehten sich um und beobachteten mich. Beim Vorbeigehen sagte ich: „Foto, Poster oder Plakat?“

Drinnen sehe ich mich bei den Sitzplätzen völlig erschöpft sitzend und wartend auf eine Freundin, die mich besuchen kam. Mir war so schwindelig und übel, dass ich es bereute, das Bett verlassen zu haben.

Bei der Bäckerei sehe ich eine ehemalige sehr nette Bettnachbarin. Wir begrüßten uns und plauderten kurz nett. Ich befand mich im Rollstuhl am Weg zur Ambulanz. Ich war auf den Krankentransport des Wiener Roten Kreuzes angewiesen. DANKE dafür!

Am Stiegenaufgang vor der Ambulanz sehe ich den Sohn einer Freundin, der mich fragte, ob denn alle auf der Station keine Haare hätten. Ich war nervös ihn zu treffen, da ich nicht wusste, wie ich damit umgehen soll.

Im Wartebereich sehe ich mich fast auf jeden Sessel sitzend und wartend.

Ich bin hier überall. Es fühlt sich so komisch an. Mein Fluchtinstinkt will mich zum Weglaufen überreden und andererseits fühl ich mich kurioserweise jede Minute ein bisschen wohler. Hier bin ich sicher, falls etwas passieren sollte. Hier sind die Fachkräfte, die sich auskennen und mir jederzeit helfen. Es bedarf einer großen Überwindung mich mit der Vergangenheit hautnah auseinander zu setzen und es beängstigt mich. Weil es mir auch so fremd manchmal scheint, glaube ich, dass mein Gehirn es die meiste Zeit verdrängt und wenn ich dann wieder hier bin, ist es wieder sicht- und fühlbar. Wahrscheinlich fühle ich deswegen diese extreme Abneigung, weil ich es wieder fühlen kann.




Der Flashback-Vergleich
von Katrin am 2014-06-09 13:21:18

Es ließ mir keine Ruhe, ich musste meinen Tagebucheintrag zum Flashback vom letzten Blogeintrag suchen und meine Erinnerungen vergleichen. Hier der Eintrag:

12.3.2012, der Tag an dem der Oberarzt zu mir sagt, dass es Morbus Hodgkin ist. Obwohl ich mich die letzten Tage immer darauf vorbereitet habe, dass das Ergebnis negativ ist, bin ich trotzdem zerstört. Es bricht eine Welt für mich ein - meine Welt. Mir wurden gerade die Fäden von der Lymphknotenbiopsie am Hals gezogen. […] Der erste Eindruck von ihm, war für mich sehr sachlich. Er war freundlich, aber nicht wirklich besonders einfühlsam, allerdings änderte sich das drastisch, als er zu mir neben die Liege kam. Er stellte sich neben meine angewinkelten Beine hin und sagte mit sanften Worten, dass es ihm Leid tut und dass es Morbus Hodgkin ist. Ich fing auf der Stelle an zu weinen. Mein Gesicht verzog sich krampfartig, enorm viele Tränen rannen innerhalb kürzester Zeit an meinen Wangen hinunter. Meine Hände lagen auf meinem Gesicht. Als ich Luft holte, sah ich das veränderte Gesicht des Oberarztes. Er legte seine Hand auf mein Knie. Es war wohl die menschlichste und mitfühlendste Geste, die ich je von einem Fremden bekommen habe. Danke, dafür! Es bedeutete in diesem Moment so viel. Ehrlichkeit, Mitgefühl, Hoffnung, Stärke, Menschlichkeit und vieles mehr.„




Trigger & Flashbacks
von Katrin am 2014-06-09 13:19:46

Es ist Muttertag 2014. Ich sitze mit A. gemütlich mit Kaffee und Muffin (juhu, endlich wieder feste Nahrung) am Frühstückstisch und wir plaudern über die aktuellen Nachrichten, die der Radio gerade berichtet hat und über die Wundheilung der Zahnoperation. Wir tauschen Erfahrungen aus und ich wollte wissen, ob das Fäden ziehen bei ihm sehr schmerzhaft war. Während er erzählt und erklärt vermischte sich alles in meinem Kopf. Es war alles auf einmal so verschwommen, ich sah nur Bruchstücke vor meinem inneren Auge und ich hatte große Mühe mich noch auf das Gesprochene zu konzentrieren. Auf einmal bemerkte ich diese bekannte aufsteigende Traurigkeit und es zog mich rein in meine Erinnerung.

Ich saß nicht mehr am Frühstückstisch, sondern ich lag auf der Liege im Krankenhaus auf der onkologischen Ambulanz.

Ich hatte Angst vorm Fäden ziehen meiner Lymphknotenbiopsie am Schlüsselbein. Zögerlich fragte ich die Turnusärztin nach der Stärke der Schmerzen. Sie war sehr vorsichtig, ich spürte es kaum. Es dauerte nicht lange bis sie fertig war und mein Onkologe stand auch schon neben mir um mir das endgültig Ergebnis mitzuteilen. Es war davor noch nicht zu 100% sicher, dass es wirklich etwas Malignes ist. Auch wenn ich es innerlich schon gewusst habe, traf es mich trotzdem wie ein Blitz. Auf einmal war alles egal. Ich weinte lauthals. Mein Onkologe legte mitfühlend seine Hand auf mein Knie. Meine Hände bedecken meine nassen Augen.

Ich möchte mich selbst fragen, was dann geschah um den Film nicht zu beenden, aber da mich diese Erinnerung bereits schon zum Weinen gebracht hat, unterdrücke ich es. Ich konnte diesen Druck nicht mehr Stand halten.

Das Thema Fäden ziehen war ein Trigger, der einen Flashback ausgelöst hat. Anfangs wusste ich nicht, was da mit mir passiert. Heute weiß ich es, dass es das Trauma und das posttraumatische Belastungssyndrom ist, das mich seit dieser Zeit ständig begleitet. Wenn man bedenkt, dass während der ganzen Therapien die Psyche sich hinten anstellen musste, so kann man sich vorstellen was danach irgendwann passiert. Die Psyche nimmt sich das, was sie braucht und das nennt sich Zeit.
Zeit zum Verarbeiten, Zeit zum Nachdenken und Zeit zum Ruhen und Aufarbeiten. Ich hoffe sehr, dass das nicht eine Lebensaufgabe sein wird, aber auch wenn, werde ich lernen müssen damit zu leben und da ich nicht möchte, dass alles umsonst ist und war, möchte ich einen Weg finden das alles zu nutzen um einen Sinn dahinter zu entdecken.

- Der Krebs ist nichts Gutes. Es ist nur wichtig, das was DU daraus machst und das kann etwas Gutes sein. – Diese Worte entsprechen sinngemäß dem, was mir damals ein sehr lebensfroher Pfleger in Ausbildung zu mir gesagt hat. Danke dafür!




Hart im Nehmen
von Katrin am 2014-05-14 21:59:04

Es ist 3 Uhr morgens, ich bin aufgewacht wegen der Schmerzen. So wie die letzten paar Tage auch seit meiner Weisheitszahn-Operation. Warum habe ich nur geglaubt ich sei hart im Nehmen? Ich habe schlussendlich schlimmere Dinge überstanden, da werde ich ja das bisschen Zahnweh mit links überstehen. Genau das, bekamen in den letzten Tagen vor der Operation meine Mitmenschen von mir zu hören. Ich wollte allen weis machen, ich sei stärker als zuvor.

Denkste! Nein, nein. So ehrlich muss ich sein, dass es mir die ersten eineinhalb Tage sehr viel an Nerven und an Kraftreserven gekostet hat. Wenn keine „normalen“ Schmerzmittel mehr helfen, fühle ich mich ausgeliefert. Frage mich allen Ernstes warum ich noch immer so viel Leid ertragen muss. Habe ich denn nicht schon genug gelitten? Bis keine Kraft und Ausdauer mehr da waren, dann habe ich mit meinen sarkastischen Gedanken angefangen. Auch auf Fragen wie „Was machst du heute noch?“ habe ich murmelnd pessimistisch geantwortet „Mir ein scharfes Messer suchen“.

Ich überlege mein Verhalten. Was ist es, das mich so dermaßen in die Ecke drängt? Und was noch viel schlimmer ist, warum lasse ich es überhaupt zu, in die Ecke gedrängt zu werden?

Mir kam der Gedanke, dass mich diese Situation an die Zeit der Chemo erinnert. Es fühlt sich leider so an. Ich knotze zu Hause rum, auf derselben Couch wie damals. Kann wenig erledigen und machen, da ich mich aufgrund der Schmerzen kaum konzentrieren kann. Ich fühle mich so erschöpft und anfangs sogar blutleer. Ich lasse mich vom Fernseher berieseln. Es fühlt sich an, als würde die Zeit nicht vergehen. Ich bin wieder mal ein kleines Stückchen abhängig und pflegebedürftig. Nehme täglich einige Medikamente, das einzige was ich wirklich zu tun habe. Schließe mich zu Hause ein aufgrund der Angst von Folgeerkrankungen (Entzündungen, etc.) und der momentanen Überforderung meines Kreislaufes und der Belastbarkeit. Die Parallelen zu dieser Zeit sind spürbar und es löst einen Funken Panik aus, den ich noch kontrollieren kann.

Es ist aber auch Tatsache, dass ein gesunder junger Mensch mit mindestens 70-90% an Kraft und Durchhaltevermögen diese Tortur beginnen würde. Ich dagegen mit meinem demolierten Körper steige höchstens mit 30% in den Ring und diese 30% sind schnell aufgebraucht. Was die psychische Kraft angeht, bin ich von mir enttäuscht. Ich hätte gedacht mehr Geduld zu haben. Aber gut, wie heißt es so schön, Erkenntnis sei der erste Weg zur Besserung. Na dann, auf zur schnellen Besserung.

Und wenn die Schmerzmittel helfen, bin ich wieder klarer im Kopf und kann befreit durchatmen. Ist es nicht schön, wenn der Schmerz nachlässt?

zuletzt geändert von Katrin am 2014-05-14 22:13:06



Schwarzer Humor
von Katrin am 2014-05-14 21:48:29

„Du stirbst eh nur einmal“ oder „Wenn du früher stirbst, bist du länger tot“ sind keine gefühllosen Unverschämtheiten, sondern für mich grottenschwarzer Humor. Neben allen Arten der Ironie und des Sarkasmuses auch mein absoluter Liebling. Aber auch ich kapier ihn manchmal nicht oder verpasse ihn gänzlich. Warum eigentlich? Ich bin der Meinung, dass Situation und Stimmung dabei passen müssen, sonst trifft man schnell den wunden Punkt und dann wird man erst recht als idiotisch und kaltherzig abgestempelt, was sicherlich zu Recht geschehen mag.

Mir hilft schwarzer Humor um den Ernst des Lebens oder einer Situation ins Gesicht zu lachen um mehr Gelassenheit zu bekommen oder vielleicht sogar die Realität ein Stück wegzuschieben um den eventuell anbahnenden Nervenzusammenbrüchen aus dem Weg zu gehen. Die erste Situation passend zu diesem Thema, die mir während der Chemotherapie einfällt, ist sicherlich der Tag als mir meine Haare ausgingen. Nun denkt man sicher, dass ich das nur witzig fand, weil ich high von den Medikamenten-Cocktails war, aber nein, ich finde es bis heute eine amüsante Anekdote.

Es war am 13. Tag des ersten 3 wöchigem Zyklus der BEACOPP esk. als ich im Krankenhaus stationär behandelt wurde. Ich ging mich am Abend duschen (da hatte ich noch die Kraft dafür). Ich wusste, dass es jeden Tag soweit sein konnte und es endlich losgehen kann mit dem Haarverlust. Ich war darauf vorbereitet meine Kopfhaare zu verlieren. Nun ja, bei mir waren es kurioser Weise nicht die Kopfhaare, die als erstes fielen, sondern die Intimbehaarung. Ich war keineswegs traurig darüber. Nein, ganz im Gegenteil, ich habe in der Dusche Tränen gelacht. Und ich wollte anderen an diese Kuriosität dran teilhaben lassen. Bei der anschließenden Abendvisite hatte ich sogar das Glück meine zwei Lieblinge zu treffen. Es war so unglaublich, dass es schon wieder lustig war. Wir haben herzlich gelacht. Ich habe es genossen, dass auch Onkologen und das Pflegepersonal mit onkologischen Patienten so lachen können.




Musik & die Euphorie
von Katrin am 2014-04-29 11:18:03

„It’s my party, I do, do what I want (do, do what I want)“ singt Jessie J. in „It’s my party“ und ist für mich einer der vielen unverzichtbaren Lieder mit einer hervorragenden Lyrik.

 

Wenn ich ganz allein zu Hause bin und es von meiner Tagesverfassung und Gemütslage passt, dann ist alles unwichtig um mich herum und ich springe und tanze wie irre herum. Es fühlt sich einfach nur toll an. Die Bewegungen sind nicht großartig athletisch, denn ich musste leider lernen, dass das noch nicht (oder vielleicht auch nicht mehr) geht, aber das macht nichts in diesem Moment. Wichtig ist das Gefühl, das bis zur totalen Euphorie wachsen kann und das ist einzigartig unbeschreiblich. Fast wie im Rausch sind die Musik und ich eins. Auch Mut machende und kampfauffordernde Stücke lassen einen zwar nachdenken, aber letztendlich gestärkt und psychisch über sich hinaus wachsen. Wie z. B. „Wild“ auch von Jessie J. ft. Big Sean, Dizzee Rascal

„If this is a dream, won't open my eyes,
Am I asleep? No, I'm alive
I just can't believe that this is my life
In my fantasy we're running wild“

 

Wenn ich dieses Lied höre, bekomme ich feuchte Augen, denn der Klang und die Intensivität der Stimme erzählt eine Geschichte. Die Geschichte von einem langen harten unvergesslichen Kampf, den ich um keinen Preis aufgeben wollte und das was sich in mir verändert hat. So vieles ist anders als früher. Es ist schön, dass ich es heute doch noch ab und an mal fühlen kann, den Kampfgeist, den ich ab endgültiger Diagnose entwickelt habe.

Wunderschöne Tagträume begleiten mich oft und ich fühle mich frei. Die Musik hilft mir dabei. Mein Geist ist frei und unbekümmert als würde ich alles akzeptieren und blicke ohne Wehmut zurück. Ich fühl mich nicht mehr allein. Ich liege auf einer leuchtend grünen Wiese mit sattem Gras mit vereinzelt ein paar Gänseblümchen. Neben mir liegen meine liebsten Leidensgenossen. Wir berühren einander nicht körperlich aber seelisch. Unsere Köpfe bilden einen Kreis und unsere Glieder sind weit ausgestreckt. Die Wärme des Sonnenlichts tut uns gut und erfüllt den Moment voller Leben und Zuversicht. Im Hintergrund höre ich

„All that I know is I'm breathing.
All I can do is keep breathing.
All we can do is keep breathing now.“ von Ingrid Michaelson  mit „Keep breathing“

 

und genieße diesen Moment in meiner Vorstellung.

Und manchmal ist es dann ganz einfach Distanz zu schaffen frei nach Ivy Quainoo & Florence and the machine mit „Shake it out“ loszulassen.

„And it's hard to dance with a devil on your back
So shake him off, oh woah“

 




Familie & Angehörige
von Katrin am 2014-04-29 10:56:11

Heute Morgen war es endlich so weit. Ich habe auf diese Seite meiner Familie hinsehen können, um wieder ein bisschen mehr zu verstehen und (unter)bewusst zu verarbeiten. Ich bin aufgewacht und plötzlich kam mir das Gespräch von meiner Oma und mir in den Sinn, das wir vor ein paar Tagen geführt haben. Wir sprachen allgemein über das Besuchen von Familienmitgliedern im Krankenhaus. Ich versetzte mich zurück in die Zeit wo die Diagnose noch frisch war und das Unwissen über Chemotherapie & Co auch noch sehr groß.

Ich sagte ihr, dass mich allein der Gedanke daran, meine Familie wäre mich nicht so oft wie möglich besuchen gekommen, sehr verschreckt.

Auch sie erzählte mir, dass es für alle Angehörigen unmöglich gewesen wäre, nicht ständig an mich zu denken, zu bangen, zu hoffen, zu beten und mich endlich zu sehen um sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. Sogar Bekannte schlossen mich in ihr Gebet mit ein.


Nun erst heute Morgen habe ich wirklich hingesehen, und das unterbewusst. Ich habe endlich begriffen, dass in dieser Zeit nicht nur mein eigenes Leben in Gefahr war, sondern auch das meiner liebenden Familie. Ich habe es ganze Zeit geahnt und es als logisch betrachtet, dass sie auch viel durchmachten. Aber ich wollte bis jetzt nie richtig bewusst darüber nachdenken, weil dieser Gedanke mir Gänsehaut am ganzen Körper bereitete und ich es psychisch nicht tragen hätte können.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als wäre es gestern erst gewesen, als ich meine Diagnose jeden mitteilte. In dieser Zeit schrieb ich folgendes in mein Tagebuch:

 

„Ich will nicht mehr. Ich kann keine Menschen mehr sehen, die wegen mir weinen. Ich habe mich bemüht, es so vielen wie möglich persönlich mitzuteilen. Das ist mir natürlich nicht gelungen, außer ich hätte mir einen großen Stress gemacht. Aber eigentlich sollte ich mich ja schonen. Mich ausruhen und auf mich achten. [...]

Irgendwie ist es interessant wie unterschiedlich die Leute reagieren. Die einen fangen in derselben Sekunde wo sie das Wort Krebs hören an zu weinen, die Anderen sind geschockt und sprachlos. Wieder eine andere Gruppe ist gefasst und kann die Gefühle nicht durch Tränen ausdrücken. Ich gehöre zu den Menschen, die viel weinen.

Ich habe es endgültig satt diese schlechte Nachricht zu überbringen. Am Liebsten würde ich es in die ganze Welt hinaus schreien, damit es endlich jeder weiß und das Spielchen nicht immer von vorne beginnt.“

 

Ich denke heute versteh ich es besser und kann endlich hinsehen. Ich begreife warum sie alle lächeln wenn sie mich heute sehen. Voller Freude erfüllt, dankbar dass ich noch hier sein darf. So absurd und verrückt es klingen mag, aber ich würde niemals, nie mit ihnen tauschen wollen. Dieses Bangen, diese Hilflosigkeit, dieses einfach nichts tun und nicht heilen können, beide Arme in Ketten gelegt, ... wer bitteschön hält das nur aus?

Die Familie und Angehörigen eines Krebspatienten!
So wie es für mich keine Alternative zum Überleben gab, so gab es für sie nur eines:

Stark sein und durchhalten!

zuletzt geändert von Katrin am 2014-04-29 10:58:08



Die Pflicht & das Geständnis
von Katrin am 2014-04-29 10:46:58

Wie fühl ich mich eigentlich vor diesen amtlichen finanziellen Pflichtterminen?

Zuerst einmal habe ich Durchfall und Bauchschmerzen. Für mich ein Zeichen, dass mein Unterbewusstsein am Werken ist und kapiert, dass es dann leider doch wichtig ist, auch wenn die Funktionen zu Atmen und der Herzschlag weitaus, am aller aller Wichtigsten sind.

Und genau deswegen muss ich mich beruhigen. Denn die Nervosität, das in-Gedanken-versunken-sein und der Durchfall ist nur eine Begleiterscheinung der Angst. Aber wovor hab ich denn hier eigentlich Angst?

Die Angst wieder als „komplett gesund“ und arbeitsfähig angesehen zu werden oder die Angst nicht ausreichend Respekt und Anerkennung zu bekommen? Immerhin sind es ja „schon“ eineinhalb Jahre seit Ende Chemotherapie. Finanziell gesehen ist die Zeit für die sozialen Einrichtungen und Ämter ein Thema. Natürlich und verständlich.

Aber ich hatte keinen Knochenbruch, keine Influenza, keine Magen-Darm-Grippe und ebenso wenig hab ich es mir ja ausgesucht.

Ich hatte scheiß beschissenen verdammten Krebs. Ja in meinem Alter! KREBS!

Es ist ein Sonderfall, eine Ausnahme, ein Extremfall, etwas ganz Besonderes und abgrundtief Schlimmes. Etwas was man eigentlich mit nichts vergleichen kann.

Und genau hier fängt das Unverständnis an. Der Mensch stellt oft Vergleiche und bewertet. Die Maßeinheit dabei sind seine eigenen Erfahrungen. Hat er etwas nicht erlebt, kann er nur vermuten oder schlicht und einfach nachfragen, Glauben schenken, akzeptieren und NICHT vergleichen und bewerten.

Nur so kann die Toleranz wachsen und gedeihen samt der Anerkennung, dem Respekt und der Akzeptanz. Mittlerweile schaffe ich es oft, selbst Verständnis für die Nicht-Betroffenen aufzubringen, denn sie können es einfach nicht nachempfinden und wissen. Theoretisch und praktisch unmöglich. Es enttäuscht und schmerzt trotzdem jedes Mal und ich fühle mich allein und als die Benachteiligte. Die eigentliche Herausforderung ist, dass es schwierig zu verstehen ist, dass ich zwar nicht mehr krebskrank bin, aber auch noch nicht wirklich gesund bin, sondern irgendetwas dazwischen.

 

Und nun noch einer der intimsten Details von meiner Seele:

Die nackte Wahrheit ist, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche als zu vergessen und die Zeit zurück zu drehen. Ich will wieder ich sein. Die Person vor der Diagnose. Ich will meinen Alltag zurück ohne diesen täglichen Schmerz. Insgeheim will ich das, mit jeder Faser meines Körpers. Das darf man mir glauben, denn ich habe lange gebraucht, mir das selbst einzugestehen und zu akzeptieren, dass ich noch nicht so weit bin und auch dass mein Körper noch nicht so weit ist. Ich hatte einen Wiedereinstieg ins Berufsleben gewagt und bin leider kläglich daran gescheitert. Ein massiver Rückschritt für mich, der wirklich sehr weh tat und mich vor wichtigen Fragen in meinem Leben gestellt hat.

Und nun hab ich mich entschieden, endlich!

Rein nach dem Zitat: "Wenn alles sich verändert, verändere alles" von Neale Donald Walsch

Ich blättere um und fang ein neues Kapitel an. Nur ich schreib meine Lebensgeschichte. Ich habe den Krebs besiegt, also werde ich auch das schaffen. Meine Entscheidungen - mein Leben.




Schwarze Flecken & die Angst
von Katrin am 2014-04-10 21:54:22

Um einem besonders netten Menschen meine Liebe zum niedergeschriebenen Wort zu veranschaulichen, lese ich die ersten 10 Seiten meines Tagebuchs, das ich Anfang 2012 angefangen habe, um mir bewusst zu werden, welche intimen Details ich von meinem neuen Leben einer diagnostizierten Krebspatientin preisgebe.
Ich will genau wissen, was ich ihm anvertraue und vor allem, zumute. Während des Lesens wird mir klar, wie fremd mir die Autorin nun erscheint. An meinem Schreibstil wird bemerkbar welche Entwicklungsphasen ich durchlebt habe. Einer des mir nun leider etwas in Vergessenheit geratenen Gefühles ist, diese fast schon wahnsinnige Gier nach Leben oder genauer gesagt nach Überleben.
Dieser Ausnahmezustand des Überlebens macht einen Menschen zu einem ganz anderen, so sehr anders, dass man sich selbst nicht wieder erkennt.
Die Faszination Gefühle und Gefühlsebenen zu beschreiben und nieder zu schreiben ist mir Gott sei Dank geblieben.
Nun, als ich die fast schon unscheinbaren Zeilen von den schwarzen Flecken der Physalisfrucht las, überkam mich geballt diese traurige Realität, der ich mich tagtäglich seit Diagnosefindung stellen muss.

„Ich schäle Physalis und ein paar davon haben einen schwarzen Fleck. Ich werfe sie sofort weg. Es erinnert mich an Krebs. Ich habe auch einen schwarzen Fleck. Nur werde ich mich nicht wegwerfen.“

Nicht aufgeben ist bis heute 1,5 Jahre nach Chemotherapie mein Lebenselixier geblieben, genauso treu wie mein Handy-Hintergrundbild wo geschrieben steht: „I'm not giving up“.
Was denn sonst?
Eine andere Art weiter zu leben gibt es für mich nicht. Auch wenn ich noch oft genug in mein Loch voller Angst und Depression, voller Angst und Leid, voller Angst und Pessimismus, falle. Habe ich die Angst schon erwähnt?
Die Angst als ständiger Begleiter. Wenn die liebe Angst nicht wäre, was wäre dann?
Die Angst als Schutzmechanismus für unsere Psyche und Einleitung zum Fluchtverhalten. Sie hat also einen Sinn, auch wenn sich Angst auf verschiedenste Weise bemerkbar macht, sollte man sie trotzdem nicht verdrängen. Ist es denn nicht der Mut, der Angst ins Auge zu sehen, der uns auch am Leben hält?
Wir wissen, dass wir nicht von allem davon laufen können, deswegen bleibt uns oft nichts anderes übrig als uns der Angst zu stellen.

zuletzt geändert von admin am 2014-04-18 09:26:45


March 2015

Wie es ist
2015-03-22 10:31:31

February 2015

Begegnungen (3/3)
2015-02-14 00:01:01

Begegnungen (2/3)
2015-02-13 23:59:26

Begegnungen (1/3)
2015-02-13 23:53:36

Das Krebsmädchen
2015-02-13 23:07:43

Ein Stückchen Akzeptanz
2015-02-13 22:42:26

Rezidivangst
2015-02-13 21:56:59

November 2014

Glückspilz
2014-11-16 23:52:27

October 2014

Gefühlswelten - Traurigkeit
2014-10-09 14:16:45

Einfach vertrauen
2014-10-07 12:35:12

Die Therapie
2014-10-07 12:20:35

Diese tristen Morgen
2014-10-07 12:09:58

June 2014

Nur wegen uns
2014-06-09 13:39:52

Es wird besser werden
2014-06-09 13:39:02

Hass
2014-06-09 13:22:25

Der Flashback-Vergleich
2014-06-09 13:21:18

Trigger & Flashbacks
2014-06-09 13:19:46

May 2014

Hart im Nehmen
2014-05-14 21:59:04

Schwarzer Humor
2014-05-14 21:48:29

April 2014

Musik & die Euphorie
2014-04-29 11:18:03

Familie & Angehörige
2014-04-29 10:56:11

Die Pflicht & das Geständnis
2014-04-29 10:46:58

Schwarze Flecken & die Angst
2014-04-10 21:54:22


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