Teil I : Erstmaliges Auftreten der Krankheit – kurativer Ansatz

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1.    Genügend Kraft 

Die Diagnose Krebs löst in der Regel im ersten Moment starke Gefühle der Unsicherheit, Hilflosigkeit und Angst aus. Nicht nur der Patient, sondern auch man selbst in der Rolle als naher Angehöriger befindet sich in einem Schockzustand. Viele Angehörige stellen sich die Frage, ob sie stark genug sein werden, diesen hürdenvollen und völlig unbekannten Weg zu gehen und ob sie für die Begleitung des geliebten Menschen ausreichend Ressourcen zur Verfügung haben werden (neben familiären, beruflichen, gesellschaftlichen und persönlichen Verpflichtungen und Interessen). Wir haben alle voneinander unabhängig die Erfahrung gemacht, dass wir für die einzelnen Schritte der Begleitung immer zum richtigen Zeitpunkt genügend Kraft bekommen haben, auch wenn wir uns das oft unmittelbar vor der auf uns zukommenden Aufgabe noch nicht vorstellen konnten.
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2.    Behandlungsplanung

Die Schulmedizin konnte im Bereich der Krebsbehandlung bereits enorme Fortschritte in den letzten Jahrzehnten erzielen. Grundsätzlich ist es gut, Vertrauen in den vom Arzt vorgeschlagenen Behandlungsplan zu legen. Trotzdem ist es in manchen Fällen hilfreich, eine Zweitmeinung einzuholen. So kann beispielsweise bei der Krebshilfe kostenlos ärztlicher Rat hinzugezogen werden, auch besteht die Möglichkeit, einen niedergelassenen Onkologen aufzusuchen. Es ist wichtig, während der Behandlung mit dem nahen Angehörigen immer wieder Rücksprache zu halten, ob der gewählte Behandlungsweg für ihn so richtig ist.

Im Krankenhausbetrieb herrscht oft Hektik und Stress. Nicht immer wird man als Angehöriger bei Arztgesprächen miteinbezogen, trotzdem wollen wir alle dazu ermutigen, eigene Fragen zu stellen, die während den Gesprächen auftreten können. Nicht nur als naher Angehöriger hat man Angst davor, Ärzte nach Ergebnissen anzusprechen oder genauer nachzufragen. Vielen Ärzten fällt es ebenso nicht leicht, den Betroffenen Untersuchungsergebnisse und Diagnosen mitzuteilen. Diese Unsicherheit und Verschlossenheit gegenüber dem Angehörigen kann leicht missverstanden werden. 

Bei jungen Erwachsenen, bei denen die Behandlung mit einer Chemotherapie und/oder Bestrahlung verbunden ist, empfiehlt es sich, bereits vor Behandlungsbeginn Informationen zur Fruchtbarkeitserhaltung einzuholen und gegebenenfalls Maßnahmen zu ergreifen. Sollte vor Beginn der Chemotherapie eine Operation stattfinden, so ist es ratsam, noch vor dieser eine entsprechende Einrichtung aufzusuchen. Der behandelnde Arzt kann nach Einrichtungen in der Nähe gefragt werden.

Darüber hinaus gibt es ein vielfältiges Angebot an komplementärmedizinischen Maßnahmen, die während der Krankheit unterstützend genützt werden können. Die Krebshilfe bietet beispielsweise unter www.krebshilfe.net die Broschüre „Das ABC der komplementären Maßnahmen“ kostenlos zum Download an. Gerade in der ersten Phase kann es jedoch leicht zu einer Informationsflut durch das Internet sowie Tipps von Freunden, Bekannten und Verwandten kommen. Es ist wichtig, in dieser Zeit bewusst zu filtern und selbst zu bestimmen, welche Informationen einem nützlich und hilfreich sind. Im Internet kursieren auch unzählige Informationen zum Thema Krebs, die nicht immer seriös sind.
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3. Krebs ist keine psychisch bedingte Krankheit.  

Es gibt kaum eine andere Krankheit, bei der so viele mitreden, wie bei einer Krebserkrankung. Leider handelt es sich hierbei oftmals um laienhaftes Halbwissen, das einen Betroffenen und deren Angehörige in dieser schweren Zeit leicht verletzen und verunsichern kann. So hält sich beispielsweise bei vielen Menschen hartnäckig die Auffassung, dass Krebs eine psychisch bedingte Krankheit ist, da es sich bei Krebszellen um körpereigene handelt. Diese Ansicht ist wissenschaftlich widerlegt. Eine Krebserkrankung kann nicht durch die psychische Verfassung eines Menschen ausgelöst werden (d. h. die Ursache der Krankheit ist nicht psychosomatisch). Es kann jedoch im weiteren Krankheitsverlauf vorkommen, dass durch die Diagnose der Krankheit somatopsychische Symptome bei der erkrankten Person auftreten. D. h. der Patient entwickelt beispielsweise eine Depression oder Angststörung im Krankheitsverlauf.

Unter Umständen begegnet man in dieser schweren Zeit auch  Menschen, die einem das Gefühl vermitteln, dass der Patient selbst die Krankheit durch seine psychische Haltung dem Leben gegenüber ausgelöst hat oder diese auf seine Lebensbiographie zurückzuführen ist (Er hat eben nicht genügend auf sich selbst geachtet/Scheidung der Eltern/Beziehungsprobleme). In diesen Momenten ist es besonders wichtig, sich bewusst in Erinnerung zu rufen, dass niemand Schuld an der Erkrankung hat und auch nahe Angehörige oder Mitmenschen durch die Beziehung zum Erkrankten die Krankheit nicht ausgelöst haben können. Ansätze dieser Art entsprechen nicht dem aktuellen Forschungsstand.

Eine Krebserkrankung kann nach derzeitigem schulmedizinischen Ansatz nicht alleine durch eine Psychotherapie und die Auseinandersetzung mit dem bisherigen Leben geheilt werden. Wir sind aber davon überzeugt, dass diese dem Erkrankten helfen kann, Kräfte zu aktivieren, die nötig sind, um sich auf die vielen schweren Behandlungen einzulassen und, dass die Psychotherapie nach Abschluss der Behandlungen den Wiedereinstieg in das gesellschaftliche Leben außerhalb des Spitals erleichtert.
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4.    Freunde und Bekannte informieren

Es ist ratsam, Bekannte und engste Freunde über die veränderte Lebenssituation zu informieren, obwohl die Zeit oft durch die intensive Pflege und Betreuung stark eingeschränkt ist. Freunde können nur dann helfen, wenn sie wissen, in welcher Situation man sich als naher Angehöriger befindet. Nicht nur man selbst ist in der Regel mit einer Ausnahmesituation konfrontiert, auch viele Freunde stehen womöglich ebenfalls zum ersten Mal einer solchen Situation gegenüber und wissen nicht, wie sie sich „richtig“ (hilfreich) verhalten und reagieren sollen. Es ist wichtig, in dieser Zeit Wünsche klar zu formulieren und Freunden Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie einen gut in dieser Lebensphase unterstützen können. Auch kann es vorkommen, dass sich einige Freunde durch die Situation überfordert fühlen. Das Thema Krankheit und vor allem Krebs löst bei vielen Berührungsängste, Unsicherheit und ein Gefühl der Hilflosigkeit aus. Zu anderen Menschen wiederum, die einem in der Zeit vor der Erkrankung des geliebten Menschen vielleicht noch nicht so nahe standen, fühlt man sich enger verbunden. 
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5.    Selbstbestimmung des Patienten

So schwierig es auch manchmal sein mag, der Erkrankte, wenn volljährig, ist ein selbständiger und mündiger Patient, der seine Entscheidungen selbst trifft. Man kann beratend und helfend zur Seite stehen, dennoch ist es wichtig, ihn seinen Weg gehen zu lassen und ihn dabei unterstützend zu begleiten, auch wenn er nicht immer schlüssig für den Angehörigen sein mag.
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6.    Vergiss nicht auf dich selbst zu achten.

Die Behandlung von Krebserkrankungen erstreckt sich meistens über einen längeren Zeitraum. Es ist daher sehr wichtig, sich die Kräfte gut einzuteilen und auch regelmäßig Aktivitäten auszuüben, die einem selbst Kraft geben und Freude bereiten. Es ist nicht verboten, Spaß zu haben in dieser schweren Lebensphase. Ganz im Gegenteil: Nur wenn man selbst gut auf sich achtet kann man die erkrankte Person bestmöglich unterstützen. Auch ist es ratsam, sich gegenüber fremden Schicksalen im Spital gut abzugrenzen. 

Vielleicht ist folgendes Bild hilfreich: bevor das Flugzeug abhebt weisen die Stewardessen immer darauf hin, dass jede Person im Notfall zuerst selbst die Sauerstoffmaske überziehen soll, bevor sie beginnt, anderen die Maske aufzusetzen. - Wenn man gut auf sich selbst achtet, wird man seinen geliebten Menschen langfristig im Krankheitsverlauf besser unterstützen können. 
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7.    Berufsleben

Es ist sinnvoll, in der Arbeit ein Gespräch mit dem Vorgesetzten zu führen und ihn zu informieren. Auch ist es ratsam, sich darüber Gedanken zu machen, ob man bestimmten Arbeitskollegen von der nun deutlich veränderten Lebenssituation als pflegender Angehöriger berichten möchte. Nur so haben Arbeitskollegen die Möglichkeit, einen in dieser schweren Zeit zu unterstützen und auch ein Stück weit zu entlasten. Es bleibt aber jedem selbst überlassen, in welcher Intensität man seine Situation mit Arbeitskollegen besprechen möchte.

Obwohl wir selbst beruflich in einem ähnlichen Bereich arbeiten (Ärztin, Psychologin), haben wir gemerkt, dass in der Rolle als nah betroffener Angehöriger keine Professionalität, Rationalität oder Fachwissen von einem erwartet werden kann. Wir haben uns nicht unserer speziellen Berufsgruppe angehörig gefühlt, sondern waren an erster Stelle besorgte und betroffene Angehörige.
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8.    Kinder

Wenn Kinder und Jugendliche unmittelbar auch als Angehörige betroffen sind, ist es wichtig, sich gezielt für diese Altersgruppe Informationen einzuholen und diese in den Krankheitsverlauf mit einzubeziehen. Kinder und Jugendliche benötigen spezielle Hilfestellungen und reagieren anders als Erwachsene. Einen guten Überblick bietet die Broschüre der Krebshilfe: „Mama/Papa hat Krebs.“ (Download: http://www.krebshilfe-wien.at/Mama-Papa-hat-Krebs.89.0.html). 
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9.    Umgang mit Gefühlen 

Gerade in der Zeit der Krankheit treten nicht nur beim Erkrankten, sondern auch bei einem selbst oft unterschiedliche Gefühle auf, die man in dieser Intensität davor noch gar nicht kannte oder die einem vielleicht überhaupt fremd sind. Wir haben diese Gefühle (Angst, Wut, Trauer,…) oft gemeinsam mit dem erkrankten Angehörigen besprochen, hilfreich waren auch Gespräche mit Freunden und Verwandten. Weiters besteht die Möglichkeit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. In der Zeit der Erkrankung können Klinische Psychologen, Psychoonkologen oder Psychotherapeuten wichtige Wegbegleiter für den Patienten, aber auch für den nahen Angehörigen darstellen. In allen Spitälern gibt es eigens ausgebildetes Personal, das auch den allerengsten Angehörigen für Gespräche zur Verfügung steht. Auch besteht die Möglichkeit, sich als naher Angehöriger beispielsweise an die psychosozialen Notdienste (für Wien: www.psd-wien.at) oder die Krebshilfe (www.krebshilfe.net) zu wenden. 
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10.    Es ist, was es ist.

Wir Menschen möchten gerne alles kontrollieren und beeinflussen können. Gerade für uns war es eine der größten Herausforderungen zu akzeptieren, dass wir Menschen noch nicht in der Lage sind, alle Krebserkrankungen und die verschiedenen Verläufe der Erkrankung erklären oder beeinflussen zu können. Die wohl schwierigste Aufgabe besteht darin, sich nicht mit der Frage nach dem Warum zu quälen - eine Frage, auf die wir wahrscheinlich in diesem Leben keine entsprechende Antwort finden werden - sondern stattdessen die Zeit im Hier und Jetzt zu nützen und auf einen guten Ausgang zu hoffen. 
 

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