Fertilität und Krebs

von Caroline Ruschko, BSc

Die Heilungschancen von Patientinnen und Patienten mit onkologischen Erkrankungen, die sich im Kindesalter bzw. reproduktiven Lebensalter manifestieren, sind heute besser als in der Vergangenheit. Somit sollte den Maßnahmen zur Erhaltung der Fertilität dieser Patientinnen besondere Beachtung geschenkt werden.

Mögliche Auslöser für Unfruchtbarkeit

Was bewirken Chemotherapie, Bestrahlung oder Operation?

Manche Tumorarten beeinträchtigen direkt die Produktion von Samen- oder Eizellen und können damit Unfruchtbarkeit auslösen. Meist sind es aber die verschiedenen Krebstherapien, die das Risiko steigern, unfruchtbar zu werden.

Zielgerichtete Medikamente: Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit nicht ausreichend geklärt

Neuere Medikamente, die nicht zur "klassischen" Chemotherapie oder Hormontherapie zählen, haben die Krebstherapie in den letzten Jahren erweitert. Sie werden als zielgerichtete Medikamente bezeichnet: Sie greifen in Signalketten und Stoffwechselwege ein, die vor allem für Tumorzellen, weniger aber für gesunde Zellen wichtig sind. Viele dieser Mittel bauen auf Antikörper auf, andere wirken über die chemische Beeinflussung von Stoffwechselvorgängen, die für das Tumorwachstum wichtig sind. Trotzdem hat jedes dieser modernen Mittel auch Nebenwirkungen auf gesundes Gewebe. Eine Schädigung von Ei- oder Samenzellen oder Auswirkungen auf ein ungeborenes Kind sind daher nicht auszuschließen. Bisher fehlen aber für viele der betreffenden Arzneimittel detaillierte Langzeit-Untersuchungen am Menschen. Ob die Fruchtbarkeit von Frauen beeinträchtigt wird, steht bisher nicht fest. Die Auswirkungen der Medikamente auf die Zeugungsfähigkeit von Männern sind ebenfalls kaum untersucht. Es gibt für einige Mittel aus dieser Medikamentengruppe Berichte über die Geburten gesunder Kinder. Von anderen Medikamenten ist aber bekannt, dass sie den Embryo schädigen können, bei einigen ist dies sogar eindeutig belegt.

Abschließende Aussagen zu einer Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit oder Folgen für die Nachkommen sind bisher nicht möglich. Die Hersteller raten daher Frauen davon ab, während der Behandlung mit zielgerichteten Krebsmedikamenten eine Schwangerschaft zu planen. Auch Männern empfehlen sie während der Behandlung und einige Zeit danach eine Empfängnisverhütung. Bei Substanzen, bei denen die schädigende Wirkung gesichert ist, gilt eine Empfängnisverhütung sogar als Voraussetzung für die Behandlung.

Kinderwunsch nach Krebs: Vorbeugung oder Behandlung?

Was möglich ist, was nicht

Wenn eine Krebserkrankung schnell behandelt werden muss, bleibt Betroffenen meist wenig Zeit, über einen späteren Kinderwunsch nachzudenken. Besteht das Risiko, später unfruchtbar zu werden, sollten Frauen und Männer sich trotzdem beraten lassen: über Möglichkeiten der Vorbeugung ebenso wie über Möglichkeiten, später trotz eingeschränkter Fertilität eigene Kinder zu bekommen. Der folgende Text stellt die wichtigsten Verfahren im Überblick vor und bietet Linktipps. Welche Chancen Patienten und ihre Partner auf eine normal verlaufende Schwangerschaft und ein gesundes Kind haben, hängt jedoch stark von der jeweiligen Erkrankung und ihrer Behandlung ab. Konkrete Auskünfte und eine persönliche Beratung können Betroffene daher nur von ihren Ärzten erhalten.

Vorbeugung: Möglichst früh die Fruchtbarkeit schützen

Längst nicht alle Krebspatienten müssen befürchten, dass sich ihre Therapie auf die Fruchtbarkeit auswirkt. Wie hoch das individuelle Risiko ist, können die behandelnden Ärzte am ehesten überblicken. Für Betroffene ist es sinnvoll, diese Frage so früh wie möglich zu klären, am besten vor Beginn ihrer Behandlung. Selbst wenn ein möglicher Kinderwunsch bei ihnen noch in weiter Ferne liegt, sollten auch krebskranke Jugendliche rechtzeitig über ihre Möglichkeiten aufgeklärt werden, so die Empfehlung von Experten.

Maßnahmen zum Schutz der Fruchtbarkeit sind allerdings kein unmittelbarer Bestandteil der eigentlichen Krebsbehandlung. Zudem unterscheiden sich die bisher zur Verfügung stehende  Verfahren sowohl vom medizinischen, wie vom organisatorischen Aufwand her für Männer und Frauen stark. Die behandelnden Ärzte überweisen ratsuchende Krebspatienten daher meist zu weiteren Ansprechpartnern. Auch die Krankenversicherungen sollten möglichst rechtzeitig in die Planung eingebunden werden: Nicht alle machbaren Maßnahmen zum Fertilitätserhalt sind Regelleistungen der gesetzlichen Kassen; auch private Versicherungen übernehmen nicht automatisch alle Kosten.

Das "Netzwerk FertiPROTEKT" bietet auf seinen Internetseiten www.fertiprotekt.de Informationen für Betroffene insbesondere vor und nach einer Chemo- oder  Strahlentherapie. Hier werden die Informationen bezüglich Kryokonservierung von Gameten bzw. Ovargewebe angeboten. Es stellt aber auch Hintergründe und Behandlungsempfehlungen für Ärzte zur Verfügung. Aufgeführt sind außerdem die Adressen der über 70 angeschlossenen Zentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die Beratungen durchführen und Behandlung anbieten.

Kinderwunschbehandlung: Auch für Krebspatienten meist möglich

Theoretisch steht erwachsenen Krebspatienten und ihren Partnern die gesamte Palette der heute verfügbaren Fertilitätsbehandlungen zur Verfügung. Manche Maßnahmen können allerdings für Krebspatienten ein Risiko darstellen. Ob zum Beispiel Frauen mit einer hormonabhängigen Krebserkrankung eine hormonelle Stimulation schaden würde, muss im Einzelfall mit den behandelnden Krebsärzten besprochen werden.

Beratung ist auch aus einem anderen Grund wichtig: Die meisten Fertilitätsbehandlungen sind für Gesunde wie für ehemalige Krebspatienten und ihre Partner nicht nur körperlich belastend. Sie belasten auch die Psyche, vor allem dann, wenn erste Versuche erfolglos bleiben. Viele Fertilitätsbehandlungen bergen zudem das Risiko für eine Mehrlingsschwangerschaft. Betroffene sollten also abwägen, ob sie sich dieser Herausforderung gewachsen fühlen. In spezialisierten "Kinderwunsch"-Zentren arbeiten Ansprechpartner, die in der Begleitung betroffener Paare besonders geschult sind.

Es gibt verschiedene Methoden der unterstützenden Therapie, hier nur ein kurzer Überblick:

  • Eine Krebsbehandlung kann die hormonellen Regelkreise aus dem Takt bringen, die für die Entwicklung von Ei- oder Samenzellen verantwortlich sind. Bei Frauen wie bei Männern ist dann eventuell eine hormonelle Stimulationsbehandlung möglich.
  • Die hormonelle Stimulation der Eizellproduktion gilt auch als Voraussetzung für die meisten weiteren Fertilitätstherapien, sowohl bei selbst betroffenen ehemaligen Krebspatientinnen wie auch bei den gesunden Partnerinnen betroffener Männer: Werden die Anzahl reifender Eizellen und der Zeitpunkt des Eisprungs gesteuert und ärztlich überwacht, erhöht dies die Chance auf eine Schwangerschaft.
  • Bei der sogenannten Insemination werden Samenzellen heute meist direkt in die Gebärmutter der Frau übertragen, seltener in die Eileiter oder den Gebärmutterhals. Das Sperma bereiten die meisten Kinderwunsch-Praxen oder –Kliniken dazu vorher auf: Möglichst aktive Samenzellen werden konzentriert und ohne die anderen Bestandteile der Samenflüssigkeit zur Insemination genutzt.
  • Aber auch eine Befruchtung im Reagenzglas ist üblich. Dabei werden der Partnerin nach Hormonbehandlung Eizellen entnommen. Bei guter Spermaqualität werden diese mit aufbereitetem Samen befruchtet (In vitro-Fertilisation, IFV). Ist die Qualität nach dem Auftauen schlecht oder dies von vornherein zu erwarten, kann man eine Samenzelle auch direkt in eine Eizelle injizieren (intrazytoplasmatische Spermatozoeninjektion, ICSI).

Die gesetzlichen Krankenkassen wie auch viele private Versicherungen übernehmen die Kosten für einige dieser Verfahren, wenn auch nicht für eine beliebig lange Therapiedauer und auch nur unter bestimmten Bedingungen. So gelten beispielsweise Altersgrenzen: Männer dürfen zwischen 25 und 50 Jahre alt sein, Frauen zwischen 25 und 40 Jahre. Während alleinige hormonelle Therapien meist problemlos und über längere Zeit  möglich sind, zahlen die Versicherungen beispielsweise meist nur eine gewisse Anzahl an In-vitro-Fertilisationen. Die gesetzlichen Kassen übernehmen zudem nur einen Teil der Kosten, und dies meist nur bei verheirateten Paaren. Pauschale Auskünfte sind allerdings schwierig: Betroffenen hilft im Zweifelsfall zur Klärung nur die persönliche Rücksprache mit ihrer Versicherung.

Ansprechpartner: Ärzte und Zentren

Auf die Behandlung von Fertilitätsstörungen haben sich verschiedene Facharztrichtungen spezialisiert. Für Frauen ist der Gynäkologe der erste Ansprechpartner. Er kann viele Untersuchungen vornehmen, erste Behandlungen einleiten und überweist bei Bedarf an Kollegen, die weitere Maßnahmen planen. Männer wenden sich an Urologen, die die Zusatzbezeichnung Andrologie führen, oder auch an spezialisierte Hautärzte.

In sogenannten Kinderwunsch-Sprechstunden an größeren Kliniken und Zentren arbeiten entsprechende Fachleute zusammen, an die die niedergelassenen Ärzte bei Bedarf überweisen können. Haus- oder Fachärzte können auch zu genetischen Beratungsstellen überweisen, falls die Sorge besteht, ein Krebsrisiko an Kinder weiterzugeben oder durch die Behandlung Schäden an der Erbsubstanz verursacht zu haben.

Die behandelnden Krebsärzte bleiben aber wichtige Ansprechpartner bei der Frage nach Therapiefolgen, auch wenn die Erkrankung schon längere Zeit zurück liegt. Mit den behandelnden Ärzten können betroffene Frauen zudem klären, ob aus medizinischer Sicht einer Schwangerschaft etwas entgegensteht. Männer wie Frauen können zudem mit  Ärzten und psychoonkologischen Fachleuten, die es an fast allen Krebszentren gibt, die psychologische Seite der Familienplanung nach einer Krebserkrankung besprechen.

Schwangerschaft bei Krebspatientinnen: Risiko für einen Rückfall?

Nach bisherigen Daten erhöht eine Schwangerschaft nicht das Risiko für einen Rückfall.

Erhöht eine Schwangerschaft nach einer erfolgreichen Krebsbehandlung die Wahrscheinlichkeit, einen Rückfall zu erleiden? Solche Befürchtungen hatten Fachleute insbesondere bei hormonabhängig wachsendem Brustkrebs: Die veränderte Hormonlage während der Schwangerschaft, vor allem der hohe Östrogenspiegel, könnte “schlafende“ Tumorzellen zum Wachsen anregen. Daher gibt es zu dieser Tumorart vergleichsweise viele Untersuchungen. Die vorliegenden Studien haben den Verdacht jedoch nicht bestätigt: Frauen mit einem hormonabhängigen Tumor haben kein erhöhtes Risiko für ein Rezidiv (Wiederauftreten der Erkrankung).
Für andere Krebsarten gibt es weniger Daten zum Risiko durch eine Schwangerschaft. Es gibt jedoch auch keine auffallenden Hinweise auf ein deutlich gesteigertes Rückfallrisiko bei ehemals krebskranken Müttern.

Nach neuen Erkenntnissen spielt es auch keine Rolle, zu welchem Zeitpunkt nach ihrer Behandlung eine Patientin schwanger wird. Sich mit der Familienplanung noch etwas Zeit zu lassen, diese Empfehlung vieler Fachleute nimmt eher Rücksicht auf die körperlichen und psychischen Belastungen, die eine Krebserkrankung und ihre Behandlung mit sich bringen.

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